Hans Heinz Holz

10 Thesen zur marxistisch-leninistischen Theorie

aus: "Niederlage und Zukunft des Sozialismus" von Hans Heinz Holz

Neue-Impulse-Verlag, 1991

(Edition Marxistische Blätter)

ISBN 3-910080-00-6

1. Kommunisten unterscheiden sich von anderen Anhängern des Sozialismus dadurch, daß sich ihre Vorstellungen von der zukünftigen Gesellschaftsordnung und dem Weg, der zu ihr führt, auf eine Theorie der Geschichte begründen, auf den historischen Materialismus, dessen Kern von Marx, Engels und Lenin ausgearbeitet wurde. Der Marxismus-Leninismus ist eine auf praktische politische Realisierung angelegte und durch die Erfahrungen der Praxis inhaltlich bestimmte und angereicherte Theorie, die ihre Ausbildung in den Kämpfen der Arbeiterbewegung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erhalten hat und die Erfahrungen dieser Kämpfe in sich speichert. Sie spiegelt diese Kämpfe in ihrer Entwicklung - auch in Kontroversen und Widersprüchen. Ihr Realitätsgehalt besteht gerade darin, daß sie in diesen Kämpfen konsequente Positionen bezogen hat - sicher zuweilen auch falsche, die korrigiert werden mußten, die aber doch nicht ohne Gründe eingenommen wurden, aus denen wie aus den Fehlern zu lernen ist.

2. Als eine Theorie der Geschichte (die sich auf ein umfassendes Verständnis des Naturprozesses und des Zusammenhangs von Natur und Geschichte, die Dialektik der Natur, den dialektischen Materialismus stützt), kann der Marxismus-Leninismus seinem Wesen nach kein Dogma sein, sondern eine Theorie, die die geschichtlichen Veränderungen in sich verarbeitet. Wo sie zum bloßen Dogma wurde, hat sich das sehr schnell durch Realitätsverlust gerächt. Verlust an schöpferischer Theorieentwicklung zieht praktische Fehlentwicklungen und Fehlentscheidungen nach sich. Das hat es in der kommunistischen Bewegung gegeben, ebenso wie es immer auch die schöpferische Weiterentwicklung gegeben hat.

3. Daß eine Theorie entwicklungsfähig ist, heißt nicht, daß sie beliebig verändert werden kann. Der Marxismus-Leninismus wäre nicht mehr er selbst, würde er die Erkenntnis abschreiben, daß alle Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist. Grundlage seiner wissenschaftlichen Einschätzung von historischen Prozessen ist die Einsicht, daß deren entscheidende Triebkraft die Entwicklung der Produktivkräfte in den ihnen entsprechenden Produktionsverhältnissen ist und daß die Entwicklung der Produktivkräfte fortschreitend in Widerspruch zu dem in den Institutionen der Gesellschaft festgeschriebenen Typus von Produktionsverhältnissen gerät; die Analyse einer bestehenden gesellschaftlichen (und das heißt auch: politischen) Situation und der ihr angemessenen politischen Strategie beruht auf dieser Einsicht und schließt sowohl die Erfassung der allgemeinen Grundlage und Wesensstruktur einer Gesellschaftsformation als auch ihrer zahlreichen besonderen Durchsetzungsmechanismen und Widersprüche ein. Unverzichtbar ist für den Marxismus-Leninismus auch die Dialektik in ihrem Doppelaspekt als universelles Prinzip des Zusammenhangs der Wirklichkeit in den Bewegungsformen von Widersprüchen und als Methode der Darstellung dieser widersprüchlichen Bewegungsformen. Das bedeutet: Die Wirklichkeit ist eine Einheit von Vielen, sie verändert sich ununterbrochen, ihre Bewegung ergibt sich aus einer gegenseitigen Einwirkung von Widersprüchen aufeinander, in dieser Bewegung entsteht qualitativ Neues aus der Summe quantitativer Veränderungen. Schließlich gehört zum Grundbestand marxistisch-leninistischer Theorie, daß das gesellschaftliche Bewußtsein durch das gesellschaftliche Sein bestimmt wird, daß in ihm sich die Widersprüche des gesellschaftlichen Seins ausdrücken, daß die Menschen innerhalb dieser Widersprüche ihre jeweils durch Interessen, Traditionen, Erfahrungen und Erkenntnisse bestimmte individuelle Position beziehen und schließlich daß es Grundwidersprüche gibt, die sich in Klassenlagen manifestieren.

4. Die Geschichte verläuft nicht als schicksalhafter Prozeß, dem die Menschen hilflos ausgeliefert sind. Die Menschen sind immer die handelnden Subjekte der Geschichte. Jedoch wird ihr Handeln, wenn es ausschließlich oder vorwiegend durch private Interessen und individuelle Beweggründe geleitet ist, von den nicht durchschauten Strukturen der Gesellschaft aufgesogen und in seinen endgültigen Auswirkungen hinter dem Rücken der Individuen verändert; darum genügt der gute Wille allein nicht, um die Welt besser zu machen; bloße Moralität ist kein politisches Prinzip (so wenig wie Almosen die Gründe der Armut beseitigen); es ist nur durch ein theoretisches Verständnis des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft zu vermitteln. Darum kann eine politische Bewegung, die die Welt nach einer Zielvorstellung verändern will, nicht erfolgreich sein, wenn sie ihre Strategie und Aktionen einfach aus der Resultante oder dem Durchschnitt individueller Meinungen und Handlungen herleitet; das zu glauben, hieße die Irrtümer des bürgerlichen Demokratie Verständnisses reproduzieren. Die gezielte Veränderung der Gesellschaft, sei es durch planmäßige Reformen mit dem Endziel revolutionärer Umgestaltung oder durch Umsturz in einer revolutionären Situation, bedarf einer theoriegeleiteten Organisation, also einer politischen Partei, die vom gemeinsamen Willen ihrer Anhänger getragen ist. Damit der Wille aller wirklich zu einem gemeinsamen aktionsfähigen Willen werden kann, müssen die Einzelnen sich der Organisationsform unter Zurückstellung ihrer individuellen Besonderheiten einfügen - natürlich nicht, ohne vorher am Prozeß der gemeinsamen Willensbildung mitgewirkt zu haben; das ist das Prinzip der Disziplin, das für alle revolutionären Parteien eine simple Überlebens- und Wirkungsbedingung ist.

5. Der Grundwiderspruch aller Klassengesellschaften ist die private Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums - in Form welcher Produktionsverhältnisse auch immer. Jede Veränderung der Produktionsverhältnisse hat in der bisherigen Geschichte nur die Aneignungsstrukturen verschoben und das Schwergewicht der Nutzung des gesellschaftlichen Reichtums von einer Klasse auf eine andere verlagert. Dabei wurden die Ausbeutungsmechanismen immer abstrakter und undurchsichtiger. Diese Abstraktion hat unter dem Kapitalismus und insbesondere in seiner hochentwickelten, staatsmonopolistisch abgesicherten und multinational organisierten Form ein Ausmaß erreicht, in dem der allergrößte Teil der Menschheit von der Aneignung und Entscheidung über die Nutzung des Mehrwerts ausgeschlossen ist und die Mechanismen der Akkumulation des Kapitals, der Erzeugung und Reinvestition des Mehrwerts sich auch gegenüber den Entscheidungsträgem verselbständigt haben. Das Klasseninteresse der Klasse, auf deren Kosten und gegen deren Selbstbestimmung die Verwertung des gesellschaftlichen Reichtums stattfindet, besteht in der Änderung der Eigentumsverhältnisse - und weil sie die einzige Klasse ist, die diesen Aneignungsstrukturen entgegensteht, ist die

6 Herstellung einer neuen gesellschaftlichen Ordnung ihre historische Mission; dazu gehört, daß sie zu deren Erfüllung die Möglichkeit besitzt. Aus der Entgegensetzung von Kapital und Arbeit bestimmt sich die Klasse, die das Kapitalverhältnis aufzuheben in der Lage ist, als Arbeiterklasse (wie auch immer die auseinandergehenden Merkmale der Arbeit sich auf diese Klassenzugehörigkeit auswirken mögen). Um sich als Klasse (und nicht nur als bloße Summe von Individuen) zu verwirklichen und damit zum Subjekt dieser historischen Mission zu werden, bedarf es des Bewußtseins von der Lage, in der sich die Menschen überhaupt und die Angehörigen der Arbeiterklasse befinden: Klassenbewußtsein. Es versteht sich von selbst, daß Klassenbewußtsein sich auf verschiedenen Ebenen von Erfahrungen bildet, keineswegs durch die Theorie zuerst oder gar allein; aber immer muß es durch die Theorie von der Klassengesellschaft und vom Klassenkampf fundiert sein.

In der wissenschaftlich-technischen Revolution stellt sich eine neue Qualität des Entwicklungsstandes der Produktivkräfte her. Einerseits können Wissenschaft und Technik heute allgemein hohen materiellen Wohlstand garantieren, wenn durch die Institutionen der Gesellschaft Aneignungs- und Verteilungsgerechtigkeit hergestellt würde. Andererseits bieten Wissenschaft und Technik die Möglichkeiten zur Vernichtung der menschlichen Gattung und großer Teile der Natur; ja, die Menschlichkeit des Menschen ist durch genetische oder psycho-physische Manipulation bedroht. Die kapitalistische Form der Produktionsverhältnisse, die die Akkumulation des Kapitals und die private Verfügungsgewalt und Aneignung zum Bewegungsgesetz des gesellschaftlichen Lebens machen, kann diesen Widerspruch nicht lösen. Sie steigert ihn vielmehr zu hundertmillionenfachem Massenelend (3. Welt), zu ständig wachsender Kriegsgefahr und zunehmender Verkümmerung der menschlichen, in Vernunft und freier Entfaltung der Anlagen sich verwirklichenden Persönlichkeit (mentale Verelendung). Nur eine sozialistische Gesellschaft gibt die Perspektive einer menschenwürdigen Zukunft der Menschheit.

7. In der Perspektive auf den Kommunismus verbinden sich so die objektiven Gesetze der Geschichte, die die Gesetze der Reproduktion der menschlichen Lebensbedingungen sind, mit dem subjektiven Streben jedes einzelnen nach Selbstverwirklichung und Glück. Selbstverwirklichung ist jedoch nicht denkbar ohne Beziehungen zu und Rücksicht auf die Mitmenschen; sie ist nicht das Faustrecht des Individuums auf Kosten der anderen, sondern hat ihr Fundament in der Einsicht, daß der einzelne nur er selbst sein kann, wenn er in Solidarität mit den anderen ist. Solidarität und Bewußtsein der Gesellschaftlichkeit des Menschen, also eine sozialistische Moral, sind die Voraussetzung für das Programmwort des «Kommunistischen Manifests», «daß die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist». In kapitalistischen Gesellschaften bildet sich die neue Lebenseinstellung im Kampf um den Sozialismus heraus, in sozialistischen Gesellschaften im Kampf um den Aufbau des Sozialismus. Dieser Kampf bedarf einer Organisationsform; das theoretische Begreifen der sozialen und politischen Prozesse der Gegenwart und der Entwurf der Ziele für die Zukunft muß in der Organisation von den Menschen gemeinsam erarbeitet, ihnen vermittelt und in politisches Handeln umgesetzt werden. Die kommunistische Partei ist die Organisation, in der dies geschieht (einschließlich aller Irrtümer, die bei aktuellen Entscheidungen immer vorkommen); als der «Ort», an dem die Konzeption einer sozialistischen Zukunft entworfen und die gegenwärtige Strategie mit Blick auf diese Konzeption erarbeitet wird, ist sie die revolutionäre Avantgarde der Arbeiterklasse (auch in einer nichtrevolutionären Periode).

8. Die historische Mission der Arbeiterklasse und die Aufgabe der kommunistischen Partei hat also zwei Aspekte: Erstens verwirklicht die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und damit der privaten Aneignung des Mehrwerts die Veränderungen in den Produktionsverhältnissen, die notwendig geworden sind, weil die Entwicklung der Produktivkräfte in der wissenschaftlich-technischen Revolution nicht mehr durch private Verwertungsinteressen sinnvoll gesteuert und beherrscht werden kann; ein gesamtgesellschaftlicher Plan ist erforderlich. Zweitens verwirklicht die Arbeiterklasse in ihrem Kampf für Selbstbestimmung, gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Unrecht das Ziel, eine Gesellschaft freier und gleicher Bürger zu errichten, in der jeder seine Anlagen allseitig entfalten kann; erst eine solche Gesellschaft, die kommunistische, garantiert «das Menschenrecht».

9. Auch nach dem Sturz der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse ist der Aufbau des Sozialismus und aus ihm hervorgehend des Kommunismus ein langer und widerspruchsvoller Prozeß. Vorsozialistische Bewußtseinsformen und Verhaltensweisen überdauern die institutionellen Veränderungen lange, zum Teil mehrere Generationen lang. Klassenpositionen verschwinden nicht auf einen Schlag; also dauert auch der Klassenkampf, vor allem der Kampf um die neue sozialistische Weltanschauung an; theoretische Arbeit und ideologische Klarheit gewinnen dabei ein großes Gewicht. Dies umso mehr, als der Weg zum Sozialismus nicht in aller Welt parallel und gleichzeitig verläuft, sondern von einigen sozialistischen Ländern unter den Bedingungen der Systemkonkurrenz gegangen werden muß, wobei die Metropolen des Kapitalismus ökonomisch noch überlegen sind. So hängt der Aufbau des Sozialismus wesentlich daran, daß die kommunistische Partei in der gesellschaftlichen Entwicklung sozialistischer Länder führend und für die anderen gesellschaftlichen Kräfte orientierend ist. Ihre Führungsrolle darf nicht in bürokratischen Mechanismen erstarren (welcher Gefahr sie jederzeit ausgesetzt ist), muß aber auch mit politischer Macht durchgesetzt und behauptet werden.

10. Es ist an die Einsicht von Karl Marx zu erinnern, «daß eine Gesellschaftsformation nie untergeht, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist». Der Kapitalismus erzeugt zwar heute die äußeren Widersprüche bei der Entwicklung der Produktivkräfte, bis hin zur Gefahr des Untergangs der Menschheit, insofern bereitet er in seinem Schöße den Übergang zum Sozialismus vor. Aber der Kapitalismus ist immer noch imstande, in seinem Rahmen die Produktivkraftentwicklung zu organisieren, wenn auch mit wachsenden Verlusten an Überlebensqualität; der Kampf gegen den Kapitalismus ist daher weltweit immer noch die Hauptaufgabe der Kommunisten

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