Andreas Hüllinghorst

Denker des Ganzen

Zum Tod von Hans Heinz Holz: Er entwickelte die philosophischen und politisch-theoretischen Grundlagen für eine erneute Umwälzung der Verhältnisse

In: junge Welt vom 13.12.2011

Der Heerführer, so schreibt Lenin, »der die Reste einer geschlagenen (...) Armee in das Innere des Landes zurückführt, (...) erfüllt sein Pflicht (...), um Kräfte zu sammeln, um die Armee, die an Zersetzung und Demoralisierung leidet, Atem schöpfen und gesunden zu lassen« (LW 27, S. 149). Diese Aufgabe übernahm nach 1989 auf dem Feld der philosophisch-politischen Praxis im besonderen Maße der am 11. Dezember verstorbene Hans Heinz Holz. 1991 versammelte er mit Domenico Losurdo marxistische Philosophen, um sich über die »Zukunft des Marxismus« zu verständigen; 1 im selben Jahr erschien von ihm »Niederlage und Zukunft des Sozialismus«, 1995 folgte »Kommunisten heute«. Bis zu einem Sturz im Jahr 2006, der ihn seitdem ans Haus band, sprach er auf unzähligen Veranstaltungen und arbeitete am Programm der DKP mit. 2010 und 2011 erschienen im Aurora-Verlag seine konzeptionellen Überlegungen zur »Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie«. Bis zum Schluß orientierte er die von ihm mitherausgegebene philosophische Halbjahresschrift Topos auf anstehende philosophische Probleme im Klassenkampf und verfaßte wichtige Arbeiten zur Geschichte der Dialektik und zu deren logischer Struktur, nicht zu zählen die vielen Artikel, die er u.a. auch für die junge Welt  schrieb. Kurz: Sein ganzes Bestreben lag nach 1989 darin, das revolutionäre Bewußtsein der kommunistischen Partei durch Einsichten in den Gesamtzusammenhang der (kapitalistischen) Welt zu wahren und zu entwickeln sowie die Partei auf ihre Hauptaufgabe zu orientieren: Revolutionieren der kapitalistischen in sozialistische Verhältnisse.

Holz hatte sich bis zur Katastrophe im Jahr 1989 längst einen Namen als marxistischer Theoretiker gemacht. Seine philosophisch-systematischen Überlegungen waren ausgereift. Doch erst nach dem Sieg des Klassengegners zeigte sich ihre Stärke durch systematisches Durchdringen der gesellschaftlichen Wirklichkeit und durch daraus sich ergebende theoretisch-praktische Schlußfolgerungen für die kommunistische Bewegung, insbesondere für die DKP und deren Mitglieder. Darum ist er wesentlich ein Denker des zweiten Anlaufs.

Spiegelverhältnisse

Das Innere des Landes »Marxismus«, in das der Heerführer Holz uns leitet, ist die marxistische Philosophie - und zwar versteht er wie Friedrich Engels darunter die »Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs« und nicht etwa einen kantianisch-reformistischen Pseudomaterialismus, der das Denken des Ganzen negiert. Die ersten Jahren nach 1945 widmete sich Holz besonders dem Werk von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) - dessen kleinere philosophische Schriften er später erstmals in deutscher Übersetzung herausgab. »Leibniz leitete (...) eine philosophische Entwicklung ein, die von Hegel weitergeführt wurde und von ihm her in den dialektischen Materialismus einmündete.«2 Die »Monadologie« des Barockphilosophen ermöglichte Holz Einblicke in die Dialektik des Weltganzen - angestoßen von den marxistischen Klassikern, in deren Werken immer wieder von »abbilden« oder »widerspiegeln« die Rede ist, ja - wie eben bei Lenin - sogar das Universum als ein gigantisches Spiegelverhältnis begriffenwird: »Es ist aber logisch anzunehmen, daß die ganze Materie eine Eigenschaft besitzt, die dem Wesen nach der Empfindung verwandt ist, die Eigenschaft der Widerspiegelung.« (LW 14, S. 85) Wie so oft warfen unsere Altvorderen einen Gedanken hin, der lediglich ein Keim für die konsequente logische Ausarbeitung des dialektisch-materialistischen Begriffs ist. Holz folgte Lenins Denkaufforderung und entwickelte - mit Engels im Hintergrund - die logische Grundlage für eine Dialektik des Weltganzen, sprich: einer Dialektik der Natur.

Was Lenin als Eigenschaft der Materie benennt, ist als Verhältnis zu begreifen. Das Verhältnis, das jedes Seiende, um Seiendes zu sein, eingeht, ist, daß es - wie auch immer - wirkt. Wirken als solches ist modellhaft als Widerspiegeln zu denken. Würde etwas nicht wirken, nicht widerspiegeln, wäre es kein Seiendes. Jedes einzelne - sei es ein Bestandteil eines Atoms oder eine Galaxie, sei es ein einfaches Sandkorn oder etwas Komplexeres wie menschliches Selbstbewußtsein - kann man sich daher abstrakt als kugelrunden Spiegel vorstellen, der, wie alle anderen, das Universum spiegelt. Jeder Spiegel spiegelt daher nicht nur die Spiegel um sich herum, sondern, weil die umliegenden Spiegel andere umliegende spiegeln usw., reflektiert jeder mehr oder weniger vermittelt alle, also die ganze Welt. Insofern hat kein Spiegel, d.h. kein Seiendes, etwas anderes zum Inhalt als das in Raum und Zeit unendliche Universum (aller Spiegel). Jedes Seiende ist nichts anderes als das unendliche Universum in seiner gespiegelten Form. Darum ist nicht das Einzelne das Wesen der Materie, sondern der universelle Gesamtzusammenhang alles Seienden. Da alles Seiende nichts als das Universum zum eigenen Inhalt hat, ist alles Seiende miteinander identisch. Da aber jedes Seiende das Universum von einem anderen Ort aus spiegelt, erscheint das Weltganze in diesem Spiegelbild als ein anderes als in anderen Spiegelbildern. So sehr alles Seiende inhaltlich identisch ist, so sehr unterscheidet es sich auch im Spiegeln des Weltganzen, so daß jedes Seiende ein anderes Aussehen hat und von jedem anderen Seienden verschieden ist. Insofern ist im Universum nichts miteinander identisch. Das Universum, die Natur, erweist sich als Gesamtzusammenhang, der permanent mit sich identisch und nichtidentisch zugleich ist - und damit in Bewegung.

Den Widerspruch denken

Das Innere der Landes »Philosophie« hat selbst noch ein Inneres. Dies ist das dialektisch-materialistische Denken des Widerspruchs, sein Ursprung. Holz konzentrierte sich darauf erstmals in einer Publikation in dem Hegel-Jahrbuch von 1961. 1983 - nach einem Jahrzehnt als Feuilletonjournalist und einer Dekade als Universitätsprofessor in Marburg - vertiefte er im Amt eines »Kroondozenten« im niederländischen Groningen seine Überlegungen zur Grundform marxistischen Denkens in seiner wohl wichtigsten systematischen Arbeit »Dialektik und Widerspiegelung«; 2005 - angetrieben vom mißglückten ersten Sozialismusversuch - führte er sie in »Weltentwurf und Reflexion« weiter aus.

Holz folgte im Erfassen der dialektisch-materialistischen Widerspruchsform Karl Marx' Einsicht, wonach der dialektische Materialismus logisch in der Hegelschen Philosophie gründet (MEW 23, S. 27), und ebenso Lenins Vertiefung des Marxschen Hinweises, daß u.a. Hegels Philosophie »Quelle und Bestandteil« des Marxismus sei. Auch den zweiten Schritt der marxistischen Klassiker ging er mit: Die das Hegelsche System entwickelnde Methode des Widerspruchsdenkens war »mystisch«, »auf dem Kopf gestellt«, wie Marx sich ausdrückte; sie mußte »umgestülpt« werden (MEW 23, S. 27); und zwar - so auch Lenin - dort, wo Hegel am idealistischsten ist, in seinem Methodenkapitel, dort ist er nämlich zugleich am materialistischsten.

Holz' Überlegungen, den Widerspruch dialektisch-materialistisch zu denken, kommen in seinem Widerspiegelungstheorem zusammen. Es ist für die Entwicklung des dialektischen Materialismus nicht hoch genug einzuschätzen. Holz' Herleitung dessen, was ein Widerspruch ist, ergibt sich für den dialektischen Materialismus aus Hegels Philosophie, die den Widerspruch wohl als Bewegungsform, aber des Weltgeistes und nicht der Materie begreift. Der dialektische Materialismus entspringt nicht irgendwo im Hegelschen System, sondern im Kapitel »Die absolute Idee«, also dort, wo Hegel seine eigene Denkmethode offenlegt. Das Widerspiegelungstheorem ist daher als Umkehrung der Denkmethode Hegels die Denkmethode der dialektischen Materialisten. Hegels Denkmethode fällt zudem mit der idealistischen Bestimmung des Verhältnisses von Denken und Sein zusammen, so daß Holz' Widerspiegelungstheorem zugleich auch die dialektisch-materialistische Beantwortung der von Engels gestellten Grundfrage ist. Widerspruchsform, Denkmethode und Grundfrage, alle drei Momente fallen im Widerspiegelungstheorem notwendig zusammen.

Holz' Antwort ist gegen Hegels Widerspruchsdenken ein Versinnlichen, ein Sichtbarmachen des sinnlich nicht erfahrbaren widersprüchlichen Seinsverhältnisses von Sein und Bewußtsein. Diese Relation kann man nämlich materialistisch wie einen Spiegelungsvorgang denken: Ein Spiegel (das Bewußtsein) ist ein besonderes Ding (Seiendes), denn er hat - im Gegensatz zu allen anderen Dingen - kein eigenes Aussehen, wenn man von seiner hier nicht wesentlichen Umrahmung absieht. Er sieht aus wie das Ding, das sich im Spiegel spiegelt. Im Spiegel spiegelt sich also ein Ding. Der Spiegel tut gar nichts; es liegt nicht in ihm, ob er dieses oder jenes spiegelt, sondern an den Dingen, die sich vor ihn stellen. Das Spiegelbild ist ein Bild des Dings; das Ding ist im Spiegel. Insofern »übergreift« das Ding den Spiegel (materialistischer Standpunkt in der Grundfrage der Philosophie); das Dingsein (die Materialität) ist die Einheit von Ding, Spiegel und Spiegelbild.

Letzteres ist aber zugleich auch ein Bild des Spiegels. Nur weil der Spiegel spiegelt, ist das Ding als Bild im Spiegel. Im Spiegel entsteht dieses Bild vom Ding. Selbiges ist nicht wirklich in dem Spiegel, sondern nur virtuell wirklich, ist nicht in all seinen Aspekten, sondern nur aus der Perspektive des Spiegels, existent. Umgekehrt, also vom Spiegel aus gesehen, ist das Spiegelbild das Resultat einer Aktivität des Spiegels und das Ding eine Äußerung des Spiegelbilds. Damit »übergreift« der Spiegel das Ding (idealistischer Standpunkt in der Grundfrage); die Virtualität des Spiegelbildes begründet die Einheit von Spiegel, Spiegelbild und dessen Abbild in der Wirklichkeit, dem Ding.

Aber weil der Spiegel selbst in erster Linie ein Ding ist, »übergreift« das Dingsein den Spiegel, und nur darum »übergreift« zugleich auch der Spiegel das Ding. Dies ist der vollständige Spiegelvorgang und deshalb ist dies auch der dialektisch-materialistische Standpunkt in der Grundfrage. Die marxistische Philosophie steht nach Holz also nicht einfach im Gegensatz zum Idealismus, dann wäre er nur vormarxistischer, undialektischer Materialismus. Auch Lenins These, daß Hegels System Bestandteil des Marxismus ist, wäre nicht einlösbar. So aber wird der idealistische Standpunkt in den Marxismus hineingeholt und ist notwendiges Element unserer revolutionären Theorie.

Mit der Darstellung des Verhältnisses von Denken und Sein als Spiegelung ist auch die Form des Widerspruchs gedacht. Dabei vollzieht das dialektisch-materialistische Denken die Seinsbewegung nach; es ist ein Denken in Bewegung. Der Widerspruch ist nicht einfach ein Gegensatz wie ihn sich kantianische Marxisten zusammenreimen, sondern er ist die Bewegungsform, in der die unmittelbare Einheit, um selbst zu sein, ihr eigenes Wesen als ihr Gegenteil in sich setzt. Dieses Gegenteil ist sowohl Teil der ursprünglichen Einheit und damit mit ihm identisch, als auch eben nicht Teil der ursprünglichen Einheit und damit mit dieser nichtidentisch. Dieses Gegenteil hebt die ursprüngliche Einheit und deren Gegensatz in sich auf und ist daher eine neue, vermittelte Einheit. Der Widerspruch ist demnach die in sich mit ihrem Gegenteil vermittelte Einheit. Das Kapital z.B. schafft sich die Arbeiterklasse, setzt also sein Wesen in sein Gegenteil und kann auch nur so existieren. Ohne diesen Setzungsakt kann Kapital nicht akkumulieren. Dieses Gegenteil aber ist dadurch in der Lage, das Kapital als die ursprüngliche Einheit dieser Gesellschaftsform aufzulösen, sich aus dem Verhältnis des Gegensatzes zu befreien und eine neue Gesellschaft zu gründen.

Mit dem Denken der Spiegelung ist der Begriff des Widerspruchs, die Rede unserer Klassiker vom »Umkehren« des Hegelschen Systems, ist die Beantwortung der Grundfrage der Philosophie und die marxistische Denkmethode erstmals logisch nachvollziehbar gemacht worden.

Gegenständliche Tätigkeit

Dialektischer Materialismus als Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs und des Widerspruchs entwickelt auch einen anderen Begriff von der Gesellschaft. Diese entsteht durch Arbeit. Arbeit als »Prozeß zwischen Mensch und Natur« (MEW 23, S. 192) muß im Gesamtzusammenhang und als (widersprüchliche) Bewegungsform begriffen werden. Holz entwickelte anhand des Marxschen Terminus »gegenständliche Tätigkeit« (MEW 3, S. 5) die logische und damit die Seinsstruktur der Gattung Mensch.

Folgende Situation: Menschen arbeiten mit Werkzeugen an Naturgegenständen. Die bürgerliche, von Descartes und Kant her kommende Interpretation besagt, daß Arbeiten ein zweckgerichteter Akt und darum wesentlich intellektueller Natur ist.

Einige undialektische Marxisten stellen das Werkzeug als das Wesen des menschlichen Tuns dar. Sie mißachten dabei - wie Holz kritisiert3 - Marx' Kritik am undialektischen Materialismus, wonach man das menschliche Tun philosophisch als Einheit von Objekt und Subjekt denken muß, sonst verfalle man darein, Arbeit »nur unter der Form des Objekts der Anschauung, nicht aber als sinnlich-menschliche Tätigkeit, als Praxis« zu fassen (MEW 3, S. 5). Diese »Marxisten« sind also bloß analytisch unterwegs und haben nicht mehr den Gesamtzusammenhang im Blick.

Holz stellt mit Marx beiden Erklärungen einen Begriff des Menschseins entgegen, der vom Ganzen des menschlichen Tuns ausgeht. Der arbeitende Mensch wird sich seiner Arbeit bewußt.Er kann sich Zwecke setzen, weil ihm ein anderer Mensch sein Tun kommuniziert, vergegenständlicht (spiegelt). Wir reden daher von Gesellschaft, »wenn mindestens zwei Subjekte Bezug aufeinander nehmen und dann das Subjekt (der arbeitende Mensch - A.H.) nicht nur in den Spiegel der Natur (die zu bearbeitenden Naturgegenstände - A.H.) schaut, sondern zugleich in den zweiten Spiegel (den kommunizierenden anderen Menschen - A.H.), der dieses Spiegelverhältnis noch einmal spiegelt«.4 Der arbeitende Mensch ist dann in einer zweiseitigen Situation: Als Naturwesen erfährt er in seinem Tun das Werkzeug und den Naturgegenstand (insofern ist sein Wissen empirisch); als Gattungswesen macht er in der gleichzeitigen Kommunikation mit seinem Gegenüber die Erfahrung über sein Tun (insofern ist sein Wissen theoretisch). Der arbeitende Mensch ist also - und das macht ihn erst zum Menschen - in einer Situation, die er als Naturwesen tätig erlebt und als Gesellschaftswesen zugleich ideell verlassen, also von ihr gedanklich abstrahieren kann. Während alle anderen Naturwesen aus ihrer Natürlichkeit nicht herauskommen, kann der Mensch dieses in Gedanken tun. Er reflektiert die universale Wechselwirkung der Natur von dieser (historischen) Position, d.h. er denkt (historisch) das Ganze. Er begreift im Arbeiten seine eigene Stellung in der Natur und in der von ihm geschaffenen und veränderten Welt.

Eingreifendes Denken

Marxistische Philosophie als bewußte Reflexion der gegenständlichen Tätigkeit (auf Grundlage einer Dialektik der Natur) ist daher selbst praktisch. Ihr theoretischer Standort, von dem aus sie sich entwickelt, ist statt eines über allem stehenden, scheinbar göttlichen der des im Produktionsprozeß stehenden und den menschlichen Fortschritt repräsentierenden Proletariats.

Für Hegel wie für alle vorhergehende Philosophie war Philosophie die Wahrheit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sie hatte, so Marx' Kritik, die Welt bloß interpretiert (vgl. MEW 3, S. 7). Der dialektische Materialismus begreift sich hingegen als Teil der Praxis und ist darum ein die Praxis veränderndes Denken, das sich in die Tat auflöst und sich darin bewahrheitet. Dementsprechend ist die Verwirklichung der Philosophie kein bürgerliches Bildungsstudium, sondern dieses In-die-Tat-Auflösen ist bewußt geführter Klassenkampf. Die Verwirklichung des dialektischen Materialismus ist die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse durch das Proletariat, das sich durch Befreiung vom Kapital selbst verwirklicht und zugleich damit seine eigene Aufhebung auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft beginnt (vgl. MEW 1, S. 391).

Insofern führt der Heerführer Holz die Marxisten aus dem Inneren des Landes »Marxismus« wieder heraus - zum zweiten Anlauf. »Die Aufhebung der Philosophie«, so Holz im Nachdenken von Marx' »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung«, »in ihrer politischen Verwirklichung ist nicht die Liquidierung der Philosophie, sondern ihre bewußte Einsetzung in ihren Status als höchste (...) Reflexionsgestalt (...); es ist der Status der Philosophie als der für jede Orientierung in der Praxis notwendigen Widerspiegelung des Ganzen.«5 Ohne eine das Ganze bedenkende Wissenschaft gibt es keine Orientierung im Klassenkampf und ist die Arbeiterklasse kein Subjekt (sondern lediglich Objekt des Kapitals; sie ist nicht für sich, sondern bloß an sich). Darum trat Holz so entschieden gegen jede Form von Kantianismus im Denken des Proletariats ein. Denn diese Philosophie des Klassengegners lehnt das Denken des Ganzen als bloßen, in sich widersprüchlichen Schein der Wirklichkeit ab, verhindert damit die Orientierung der Arbeiterklasse und reduziert ihr politisches Handeln auf zielloses Reformieren des Kapitalismus. Es entwickelt sich kein Klassenbewußtsein.

Dieses entsteht nicht spontan. Die marxistische Philosophie wird zwar auch in die Wirklichkeit übersetzt, aber dieses Übersetzen ist zugleich eine praktische Kritik, die - bleiben die Marxisten wach - auf die Theorie zurückwirkt. Zugleich ist Klassenbewußtsein nicht nur die systematische marxistische Philosophie, nicht nur eine Ansammlung individueller Kampferfahrungen der Klasse an sich, sondern wesentlich die beide Seiten zu einer klassenkämpferischen Handlung verbindende kommunistische Partei.6 Sie allein ist das Selbstbewußtsein der Arbeiterklasse (so miserabel ihr theoretischer Zustand auch sein mag).

Theoretische Kampfgemeinschaft

So sehr für Holz kommunistisches Handeln organisiert und parteilich war, er hat - leider - keine Schule gebildet. Er kümmerte sich nicht darum. Er war zu sehr mit dem Ganzen beschäftigt, war einer, der Gedanken von allen, mit denen er philosophisch zusammenkam, sammelte, prüfte und im Positiven wie im Negativen in sein Denken integrierte. Er führte mit den meisten Philosophen der letzten 2700 Jahre europäischer Kultur - mit Ausflügen in die Schriften asiatischer und arabischer klassischer Denker - ein Selbstgespräch.

Dieses Selbstgespräch wird in seinem Gesamtwerk durch die unzähligen Beispiele und Denkanregungen aus der Philosophiegeschichte sichtbar. Damit wird aber auch etwas verdeckt, was deshalb in diesem Nachruf herausgestellt worden ist: Holz' Antrieb waren immer die marxistischen Klassiker. Wie oft machen Marx, Engels und Lenin nur Andeutungen, wie etwa »umkehren«, »direktes Gegenteil der Hegelschen Philosophie«, »abbilden« »Wissenschaft des« und »Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang« etc. All diese Wörter sind wohl bedacht und keine unverbindlichen Formulierungen für Sachverhalte, die man marxistisch auch anders hätte ausdrücken können. Man muß die Klassiker beim Wort nehmen, dann sind diese Begriffe Aufforderungen an die Nachkommenden, den dialektischen Materialismus weiterzudenken und ihn zu dem zu machen, was er ist: eine dynamische Orientierung auf den Umsturz des Kapitalismus.

Heute sollte in kommunistischen Kreisen über die Gründung einer theoretischen Kampfgemeinschaft geredet werden. Die Existenzberechtigung für einen solchen Zusammenschluß liegt in der Verbreitung und Weiterentwicklung des dialektischen Materialismus auf Holzscher Grundlage sowie deren kritische Aneignung, aber auch in der Tatsache, daß die Grundlagen kommunistischen politischen Handelns - das dialektische Denken als Dialektik des Widerspruchs, des Gesamtzusammenhangs und der Geschichte - in vielen kommunistischen Parteien erneut als überlebt angegriffen und eliminiert werden bzw. fest in den Händen kantianischer »Marxisten« sind. Diesem Angriff muß argumentativ entgegengewirkt werden, womit zugleich die Kräfte für den zweiten Anlauf neu geordnet werden.

Anmerkungen

1 Domenico Losurdo (Hg.): Zukunft des Marxismus, dialectica minora, Band 10, Köln 1995

2 Hans Heinz Holz: Leibniz, Stuttgart 1958, S. 68

3 Hans Heinz Holz: Dialektik und Widerspiegelung, Köln 1983, S. 39

4 Hans Heinz Holz: Weltentwurf und Reflexion, Stuttgart 2005, S. 385

5 Hans Heinz Holz: Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie, in: Dialektik 18, Köln 1989, S. 253

6 Dazu Hans Heinz Holz: Thesen über die Zukunft des Marxismus, in: Domencio Losurdo (Hg.), Zukunft des Marxismus, Köln 1995, These 5

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