Hans-Günter Szalkiewicz

Wer seine Lage erkannt hat, …

Besondere Festlichkeit oder mobilisierende Wirkung politischer Veranstaltungen werden verschiedentlich durch literarische Beiträge hervorgehoben. Wenn Brecht´s „Lob der Dialektik" dabei vorgetragen wird: „…wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein? Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen …", ist nicht auszuschließen, daß bei den Teilnehmern angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Situation zwiespältige Empfindungen ausgelöst werden. Im Lande und in der Welt entfaltet sich die imperialistische Katastrophe mit hässlichen Exzessen und der Widerstand dagegen bleibt partiell und schwach. Die Niederlage des Sozialismus in Europa scheint in ihren Folgen nicht überwindbar zu sein.

„Gerade nach einer Niederlage bekommt die ideologische Auseinandersetzung um die richtigen weltanschaulichen Erkenntnisse eine zentrale Funktion für die Reorganisation der Kräfte. Es geht nicht nur darum, wieder die taktische Operationsfähigkeit zu gewinnen, sondern noch mehr darum, die epochale geschichtliche Bewegung zu bestimmen, in der die revolutionäre Partei ihren Ort hat." Diese zwei Sätze sind dem Abschnitt „Die Auseinandersetzung mit dem Positivismus" der Arbeit von Hans Heinz Holz „Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie", Band 2 (S. 19) entnommen.1)

Das ist ein Hauptaspekt der jüngsten Publikation des international hoch geachteten philosophischen „Schwergewichtes" und des uns so vertrauten Kommunisten, dessen wissenschaftliche Leistung und politische Standhaftigkeit nicht nur größten Respekt abverlangen, sondern Vorbild und Orientierung liefern.

Möglicherweise - die Unsicherheit entspringt der begrenzten Kenntnis der Gesamtheit der theoretischen Leistungen und der mit fas 2500 Titeln publizistischen Produktivität - kann „Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie" als eine Art Summierung der Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit des Autors aufgefasst werden.

Gegenwärtig liegen zwei Bände vor: „Die Algebra der Revolution - Von Hegel zu Marx" als Band 1 und „Theorie als materielle Gewalt - Die Klassiker der

III. Internationale" (Band 2). Der 3. Band „Integrale der Praxis - Aurora und die Eule der Minerva", z.Zt. nur als Manuskript verfügbar, erscheint in wenigen Tagen.

Nun ist Philosophie, die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Strukturgesetzen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens, nicht jedermanns Sache und die allseitig spürbare theoretische Verflachung kann ein Übriges tun, um zusätzliche Hemmschwellen für die Lektüre aufzurichten. Immerhin sind mehr als 900 Seiten zu bewältigen.

Aber, da kommt uns der Kommunist Hans Heinz Holz zur Hilfe, der die Bedeutung und die Funktion der Theorie für den Kampf der Arbeiterklasse nicht nur verkündet, sondern in diesen Kampf - solange es seine körperliche Verfassung gestattet - sehr praktisch eingreift. Was er für die Konsolidierung der Parteiorganisationen der DKP in Brandenburg und Berlin (und nicht nur hier) geleistet hat, ist nicht vergessen und soll durch nicht nachlassende Anstrengungen in der ideologischen Arbeit bewahrt werden. Sein Beitrag zur Programmatik der DKP wird zu verteidigen sein.

Diese Wechselbeziehung des Philosophen mit dem Kommunisten prägt auch die Anlage des vorliegenden Werkes. Damit werden verschiedene erleichternde Zugänge zur Geschichte und zu den Bausteinen der Philosophie geschaffen.

„Politische Philosophie ist Politik, nämlich eingreifendes Begreifen der Polis, d.h. der Gesellschaft in ihren staatlichen, bürgerschaftlichen Formen der Organisation des menschlichen Gemeinschaftslebens" (Bd. 1, S. 7) und „Ungenauigkeit der Begriffe und Verschwommenheit der Konzepte sind Schwachstellen, an denen die politische Kampffront der Kommunisten aufgebrochen werden kann." (Bd. 2, S. 8).

In der Einleitung zum 3. Band schließlich wird betont: „Um unser Bewusstsein, unsere Ideologie wird ebenso Klassenkampf geführt, wie um die Löhne und Mitbestimmungsrecht im Betrieb" und „Die Menschen müssen zu den veränderbaren Ursachen dessen vorstoßen, worunter sie leiden." (S. 13). Danach ist der mühselige Weg zu beschreiten „Von der Metaphysik zur Wissenschaftlichen Weltanschauung" über die Kategorienlehre zur Wiederspiegelungstheorie.

Im Zentrum des 1. Bandes steht die Hegelsche Dialektik, die Alexander Herzen „mit Recht die Algebra der Revolution genannt" und die Lenin „den Marxisten als Grundlagenstudium auferlegt" hat. Wer eines besonderen Anstoßes bedarf, beginnt vielleicht mit dem vorletzten Kapitel „Das ´Kommunistische Manifest´ -

Geschichtsphilosophische Analyse und politischer Appell" (S. 220 ff) und ihm wird sich erschließen: „Die Verwirklichung der Philosophie - das ist die Transformation der Philosophie, die ihrer Form nach immer Theorie ist, in die Praxis des politischen Tuns, das diese Theorie in dauernder Selbstkorrektur (nach der Art der Rückkopplung) in zweckgerichtetes Handeln übergehen läßt. Diese Transformation, in der die Theorie als Gedankengebilde materielle Wirklichkeit bekommt, ist aber eben auch die Aufhebung der Philosophie als reiner Theorie." (S. 237).

Wer den 2. Band aufschlägt, wird sich schwerlich vom Weiterlesen abhalten lassen. Er wird eingeleitet mit „Der Leninismus und die Perspektive der

3. Internationale" und dem Leitgedanken des Gesamtwerkes „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben." In vier Kapiteln

- Hauptstücke genannt - werden Lenin, Gramsci, Stalin und Mao ze dong behandelt. In einem Anhang ist ein Aufsatz beigefügt, den Hans Heinz Holz zum 80. Geburtstag Castros in der jungen Welt veröffentlicht hat.

Im Nachwort dieses Bandes sieht sich der Autor veranlasst zu sagen: „Ich muß …

um Nachsicht bitten, daß ich die Glättung zu einer durchlaufend verbundenen Abfolge nicht mehr vornehmen konnte. Bei zunehmender Verschlechterung meines Gesundheitszustands ist die Zubereitung zum Druck nur unter großen Schmerzen erfolgt. Es sei angemerkt, daß unter günstigeren Bedingungen auch Dimitroff und Togliatti noch eigene Darstellungen erhalten hätten." (S. 272)

Die Arbeit an den drei Bänden „Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie" und die Vorbereitung ihrer Herausgabe sind also unter schwierigen Lebensumständen erfolgt. Das ist Grund für den Hinweis auf das Anliegen des Autors am Schluß des 3. Bandes: „Auch in der Zukunft werden die Fragen nicht getilgt sein, die die Menschen seit eh und je, wenn auch in jeweils anderer Perspektive beschäftigten. Sich am neuen historischen Ort der Mittel zu vergewissern, durch die das Fragen und Antworten neu strukturiert wird, ist die erste Aufgabe, der sich die Philosophen nach dem Abstoß gegenübersehen. Ich habe in Weltentwurf und Reflexion … einen Versuch zur Erhellung dieser Denkwege unternommen; er muß weitergeführt werden. (S. 350)

Und - die Grenzen der vorgegebenen Zeichenzahl drohen und die Zeit läuft

davon - wir müssen wieder einen Sprung machen zu den aktuell vor uns stehenden Aufgaben. Wir werden damit der Lebenseinstellung und den Erwartungen unseres Genossen Hans Heinz Holz gerecht. Sein Denkgebäude, das nicht mit der Entnahme von ein paar Bausteinen zu bewältigen ist, wird durch einen nicht zu erschütternden historischen Optimismus gekennzeichnet. Ihn in seinen Grundlagen zu erfassen, zu verteidigen und weiter zu tragen, ist der seinem Werke immanente Appell. Denn: „So wie es ist, bleibt es nicht." Wir grüßen ihn nochmals mit Brecht: „Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen."

  1. Aurora Verlag, Berlin 2010, 2011 in der Eulenspiegel Verlagsgruppe. Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Neue Grünstr. 18, 10179 Berlin

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