Nina Hager/Hans-Peter Brenner

Versuch einer Zwischenbilanz

Die Debatte weiterführen – Positionen klären – die Partei weiterentwickeln

 

Zunächst einmal: Die laufende Debatte um das Papier „Den Gegenangriff organisieren" ist nötig, weil sie uns zeigt: Eine Klärung der zugrundeliegenden Positionen ist im Vorfeld des 19. Parteitages unumgänglich.

Unser Ausgangpunkt dafür ist: Wir suchen alle nach Wegen, wirksamer in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen einzugreifen. Wir wollen die DKP attraktiver für all jene machen, die aufgrund ihrer Erfahrungen schon zu antikapitalistischen Folgerungen gekommen sind und wir wollen noch Schwankenden Halt und Wissen geben sowie andere überzeugen. Wir sind alle sehr unzufrieden mit unserem heutigen Einfluss, wollen, dass es schneller vorangeht.

Wir möchten theoretisch wie durch unser praktisches Handeln zeigen, dass wir wichtige Vorschläge und Konzepte für eine gesellschaftliche Alternative, für den Sozialismus, zu bieten haben, die mobilisieren können.

Wir wollen die Partei vor allem handlungsfähiger machen.

I. Wie wäre eine konstruktive Diskussion weiterzuführen?

Die Debatte fordert uns unseres Erachtens auf jeden Fall heraus, die eigenen Positionen künftig noch genauer zu formulieren, die eigene Argumentation zu verbessern, eine verständlichere Sprache zu benutzen und Argumente nachvollziehbarer zu machen.

Wie muss man herangehen? Das wurde in der bisherigen Debatte auf www.kommunisten.de mehr als einmal problematisiert, weil der Losung „Den Gegenangriff organisieren" den realen, praktischen Erfahrungen vieler unserer Genossinnen und Genossen in Betrieben, Gewerkschaften, in Kommunen und Bewegungen widerspricht, die darauf aufmerksam machen, dass

  • so manche Kolleginnen und Kollegen nicht einmal für eine Gegenwehr zu gewinnen sind, wenn sie unmittelbar Angst um ihren Arbeitsplatz und die Zukunft ihrer Familien haben.
  • trotz wachsender Einsichten in die Ursachen der Misere oft noch ein langer und schwieriger Weg nötig ist, um nötige Abwehrkämpfe zu organisieren, von anderem ganz zu schweigen.
  • viele Aussagen des Positionspapiers zu schwülstig, schlagwortartig und verkürzt sind.

Hinter den unterschiedlichen Positionen in unserer Debatte stehen theoretische Differenzen, die zu offenbar zu unterschiedlichen Einschätzungen der Situation führen. Dabei meinen wir nicht den ultimativen Beitrag Wolfgang Hermanns. Die Differenzen betreffen – wie schon in der Programmdiskussion -die Imperialismusfrage, die Staatsauffassung, den Weg zum Sozialismus, die Aktionseinheits-und Bündnispolitik der DKP, aber auch die Parteifrage usw.

Die Debatte zeigt unseres Erachtens auch, dass es nicht reicht, von einmal vor langen Jahren erlangten marxistischen Kenntnissen „zu leben", sondern eine ständige Beschäftigung mit Positionen der Klassiker, mit der Geschichte unserer Bewegung wie neueren Erkenntnissen nötig ist.

Mit „neueren Erkenntnissen" meinen wir vor allem auch jene, die marxistische Ökonomen, Staats-und Rechtswissenschaftler, Philosophen, Psychologen, Historiker u. a. schon zu DDR-Zeiten bzw. durch das IMSF im Hinblick auf Entwicklungstendenzen des Kapitalismus, Veränderungen in den Regulierungsmechanismen und Herausbildung supranationaler Strukturen, im Zusammenhang mit der marxistischen Entwicklungstheorie, im Zusammenhang mit erkenntnistheoretischen Fragen (auch in Bezug auf Bewusstseinsprozesse) usw. erarbeitet haben. Neben der Erstarrung und Dogmatisierung der Gesellschaftswissenschaften gab es eben auch immer die andere Seite: Forschungsergebnisse, die noch heute Gültigkeit haben bzw. Grundlage für Weitergehendes sein könnten. Zu lernen haben wir auch von kubanischen marxistischen Wissenschaftler(inne)n und anderen.

Öffentlich diskutiert wird das Positionspapier seit etwas mehr als einem Monat. Erst in der Woche vor den Bundestagswahlen wurde es an den Parteivorstand gesandt, der sich wenig später auf der 8. Parteivorstandstagung mit Mehrheit für eine Veröffentlichung und eine Debatte auf www.kommunisten.de entschied.

Wie können wir die in der Debatte deutlich gewordenen Unterschiede in Einzelfragen aber auch in grundsätzlichen Fragen zu von allen akzeptierten Lösungen oder auch Teil-Lösungen führen?

Die bisherige Debatte kann dazu nur ein erster Schritt sein. Und die Parteidiskussion geht zudem inhaltlich-produktiv nur weiter, wenn wir uns in der folgenden Diskussion auf einzelne Sachfragen konzentrieren, sich die Vertreter verschiedener Positionen mit Sachbeiträgen zu Wort melden und dabei Vorwürfe, Schärfe oder ironische Polemik soweit wie möglich herausnehmen.

Wir wollen – anhand der bisherigen Debatte -deshalb versuchen, Vorschläge zu machen für künftig zu diskutierende inhaltliche Schwerpunkte.

 

II. Weltanschauliche und methodische Voraussetzungen einer marxistischen Debatte

 

Um dies zu realisieren, muss auch nach den eigentlich zu akzeptierenden Voraussetzungen dieser Debatte gefragt werden, in der es keine grundsätzliche weltanschauliche Gegnerschaft gibt, in der sich alle darüber einig sind, dass eine Gesellschaft ohne Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung notwendig ist, dass heute nur noch die Alternative „Sozialismus oder Barbarei steht".

Es wirkt dabei aber geradezu irrational, dass es bei einer solch grundlegenden Übereinstimmung, wie es in dem jahrelang in der Partei diskutierten Parteiprogramm ja fixiert ist, noch so einen verbissenen Streit um die Programmatik und die konkrete Politik der DKP in der heutigen Situation in der noch kleiner gewordenen Schar der Kommunistinnen und Kommunisten gibt.

Notwendig erscheint es, Voraussetzungen und Regeln für eine weitere Debatte festzulegen:

1. Zunächst geht es um den theoretisch-methodische bzw. methodologische Ansatz:

(a) Wir gehen von einer in widerstreitende Klassen gespaltenen Gesellschaft aus, vom grundlegenden antagonistischen Widerspruch der heutigen Gesellschaft zwischen Kapital und Arbeit. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass ein solcher Ansatz noch lange nicht zu dialektischem, wissenschaftlichem Denken führt.

Deshalb ist für das Herangehen der Kommunistinnen und Kommunisten auch ein undialektischer, mechanistischer Ansatz, der etwa eine Zwangsläufigkeit der Entwicklung sieht oder komplizierte Zusammenhänge unzulässig vereinfacht bzw. nur einzelne Zusammenhänge hervorhebt (reduktionistisches Herangehen), unmöglich.

(b) Das bedeutet für das Vorgehen: Die Objektivität der Betrachtung, die beständige und allseitige Analyse, Untersuchung der ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnisse, „die Untersuchung der Gesamtheit" der mannigfaltigen, vielfachen und widersprüchlichen Zusammenhänge und ihrer Ursachen, wie sie wirklich sind, ohne erdachte Zutat.

Das erfordert auch, die Existenz-und Begleitbedingungen historischer Prozesse zu berücksichtigen, die Spezifik und Komplexität der Prozesse – wie der heutigen Krise zu untersuchen, die sich nicht mit Schlagworten analysieren lässt.

Die Betonung liegt auf beständiger, umfassender, allseitiger Analyse der objektiven Umstände, Erfassung der Mannigfaltigkeit der Zusammenhänge, der historischen Entwicklung in ihrer Widersprüchlichkeit und auch in der historischen Veränderung, ja Entwicklung.

In einem Brief an Laura Lafargue vom 4. Mai 1891 nannte Engels zudem die marxistische Theorie „die lebendige Theorie der Aktion, der Arbeit mit der Arbeiterklasse in jedem möglichen Stadium ihrer Entwicklung", und „keine Sammlung von Dogmen, die auswendig zu lernen und aufzusagen sind wie eine Beschwörungsformel oder ein katholisches Gebet". (MEW, Bd. 38, S. 101)

(c) Dann steht trotzdem immer noch die Gefahr des „Subjektivismus", die real auch in einer kommunistischen Partei existiert.

Marxisten verstehen unter „Subjektivismus" in der Regel zunächst in Auseinandersetzung mit anderen weltanschaulichen Positionen die Tendenz zur Verabsolutierung der Erkenntnistätigkeit, der Bewertungsfähigkeit sowie der sozialen Aktivitäten des Menschen bzw. von Gruppen, wobei Gesetzmäßigkeiten der Realität ignoriert werden.

„Für einen S. in der Politik sind Auffassungen oder Maßnahmen charakteristisch, die vornehmlich vom Wunschdenken bzw. von Illusionen geprägt sind und ungenügend von der wirklichen Sachlage bzw. den grundlegenden Gesetzmäßigkeiten geschichtlicher Entwicklung ausgehen" (vgl. Philosophie und Naturwissenschaften. Wörterbuch. Berlin 1991, S. 854-855).

 

2. Einigt man sich auf eine gemeinsame theoretische wie methodische Grundlage, dann muss man auf dieser Basis trotzdem genau zitieren, mit anderen sachlich-richtig umgehen. Und dann muss man auch Aussagen des Parteiprogramms -beispielsweise zum Weg zum Sozialismus -in ihrer Vollständigkeit zur Kenntnis nehmen.

Da steht unter anderem. „Der Sozialismus kann nicht auf dem Weg von Reformen, sondern nur durch tief greifende Umgestaltungen und die revolutionäre Überwindung der kapitalistischen Eigentums-und Machtverhältnisse erreicht werden. Voraussetzung dafür ist eine grundlegende Veränderung des Kräfteverhältnisses zugunsten der Arbeiterklasse und der mit ihr verbündeten Kräfte.

Gesellschaftliche Kräfteverhältnisse verändern sich jedoch nicht im Selbstlauf, sondern über Klassenauseinandersetzungen ..."

Da steht aber auch etwas über die Rolle des Kampfes um Reformen zur Verbesserung der Lebenssituation der Mehrheit der Menschen heute usw. usf., und dass über diese Kämpfe und Massenaktionen eben der Weg zu grundlegenden gesellschaftlichen Umgestaltungen geöffnet werden kann …

 

3. Voraussetzung ist zudem für eine Debatte in unserer Partei das 2006 beschlossene Parteiprogramm der DKP. Jeder Entwurf für ein Forderungs-bzw. Aktionsprogramm wird sich an den Aussagen unseres Programms messen lassen müssen. Das Programm ist das Ergebnis einer langen Parteidiskussion. Ein Konsens wurde erreicht. Das schließt nicht aus, nach neuen Erkenntnissen zu suchen. Und wenn neue Erkenntnisse zeigen, dass wir uns in der einen oder anderen Frage geirrt haben, muss man Aussagen unseres DKP-Programms präzisieren. Dann, aber nur dann.

 

III. Inhaltliche Mindestanforderungen

 

Wenn die deutschen Kommunist(inn)en sich auf das Gemeinsame beziehen und Differenzen untereinander nicht als „antagonistische Widersprüche" behandeln, sondern als Ansporn um zu gemeinsamen Antworten zu kommen, ist es zunächst sinnvoll auch die gemeinsamen Positionen wie einige der Differenzen der bisherigen Debatte in Erinnerung zu rufen, um von dort aus den Klärungsprozess voranzutreiben.

Wir versuchen dabei an Erfahrungen aus der Geschichte unserer Partei und an die unserer Genossinnen und Genossen in den aktuellen Kämpfen anzuknüpfen:

    1. Uns einigt das Bestreben, die DKP als eigenständige Partei mit einem eindeutig durch die Lehren von Marx, Engels und Lenin geprägtem kommunistischem Profil handlungsfähiger zu machen. Uns ist klar, dass wir von einem Einfluss, den wir in den 70er und 80er Jahren besaßen, ziemlich weit entfernt sind. Nur durch eine Hinwendung zu den konkreten Lebensbedingungen und Bedürfnissen der arbeitenden Menschen, sowohl in Betrieben wie in den Kommunen, in den Gewerkschaften und sonstigen Massenorganisationen, der Jugend sowie der älteren Generationen der Arbeiterklasse, den Rentnern und Pensionären, wird daran was zu ändern sein.
    2. Wir brauchen dazu die Vermittlung und Verbreiterung von positiven Erfahrungen der „Massenarbeit", die ja zum Glück noch immer in der DKP vorhanden sind. Dies ist eine wichtige Aufgabe, die der Parteivorstand in Vorbereitung des nächsten Parteitages anpacken muss und auch will. Ein Stopp der schwarz-gelben sozialreaktionären Pläne ist nur möglich, wenn sich dafür Bündnisse formieren und zusammenschließen, die über den einzelnen Anlass hinaus für eine soziale und demokratische „Wende" in der Entwicklung der BRD eintreten. Diese wird nur gegen die Interessen der Finanz-und Industriekonzerne, der Monopolbourgeoisie, zu erreichen sein. Und zwar nicht durch parlamentarische Kompromisslerei, sondern durch außerparlamentarische Kämpfe.
    3. Ansatzpunkte für solche Bewegungen sind vielfältig. Aber sie werden aktuell besonders im Kampf um das deutliche Ansteigen der für 2010 prognostizierten Arbeitslosigkeit, um den Erhalt der Arbeitsplätze und der bisherigen Tarifstandards notwendig sein. Das was bei Opel und Quelle passiert, sind keine Zufälle – jetzt spricht auch Siemens von 10 000 abzubauenden Stellen. Auseinandersetzungen sind vorhersehbar und auch notwendig im Bereich der sozialen Sicherungssysteme (Gesundheit, Pflege, Renten). Aktionen gegen die Ausbildungsmisere über eine klimafreundlichere Ökologie-und Energiepolitik sowie die Abkehr von militaristischen Abenteuern (besonders in Afghanistan) stehen auf der Agenda.
    4. Kommunistinnen und Kommunisten haben sich immer für das Zusammengehen der Arbeiter und Angestellten -für die Aktionseinheit der verschiedenen politisch-ideologischen Strömungen innerhalb der Arbeiterklasse eingesetzt. Gleichzeitig (!) setzten sie sich ein für Bündnisse mit all denen, die punktuelle oder auch längerfristige Gemeinsamkeiten mit solchen von und durch die Arbeiterbewegung (mit-)iniitiierten Bewegungen sehen. Wir haben keine Berührungsängste gegenüber Sozialdemokraten, Sozialisten, Grün-Alternativen oder auch Christen, die nicht bereit sind dem Kurs von Schwarz-Gelb zu folgen, auch wenn sie deshalb nicht schon für weitergehende antimonopolistische und antikapitalistische Zielsetzungen eintreten.
    5. Wir sehen niemanden unter den Wortmeldungen, der nicht akzeptiert, dass es eine enge Verbindung zwischen nationalen und internationalen Kampffeldern und Kampfbedingungen gibt. Niemand will zurück zum Nationalstaat des 19.Jahrhundert – was ohnehin irreal ist. Unser Internationalismus wird von niemandem in Frage gestellt. Das Ausmaß der supraund transnationalen Kooperation der Arbeiter-und Gewerkschaftsbewegung und der politischen Linken hängt dabei gewiss nicht von unserer 4 300 Personen „starken" Partei ab. Die DKP ist eine viel zu kleine Partei, als dass sie auf vielen internationalen „Hochzeiten" tanzen könnte. Aber wie jetzt gerade OPEL zeigt, werden wichtige Entscheidungen, die das Leben zehntausender Menschen existentiell treffen, eben nicht nur innerhalb der Grenzen der BRD gefällt.
    6. Ob und wie in diesen möglichst sehr handfesten und sehr konkreten Aktionen und Diskussionen nicht nur gegen „Schwarz-Gelb" aufgetreten wird, sondern auch der Wunderglaube an die „Reformfähigkeit des Kapitalismus" in Frage gestellt wird; ob und wie intensiv überhaupt weitergehende gesellschaftliche Alternativentwürfe zum Zuge kommen, das hängt von der Akzeptanz der Kommunisten als Mitwirkende in diesen Auseinandersetzungen und Bewegungen ab. „Besserwisser", die nicht mehr dazu beitragen, als von außen zu sagen, „wo es lang zu gehen" hätte, werden keine Chance haben. Die Propagierung eines „Gegenangriffs" – und zwar ohne klare Vorstellung von den thematischen und politischen Knackpunkten, um die gestritten wird -von Nahzielen, für die die „Massen" zu gewinnen sind -und von Fernzielen, über die zunächst einmal nur eine Minorität nachdenkt, das hieße: Wir bauen Wolkenkuckucksheime und Luftschlösser.
    7. Die objektiven und subjektiven Faktoren, die den Prozesse der Formierung der „Klasse an sich" zur „Klasse für sich" behindern, wie sie u. a. Patrik Köbele sehr allgemein in seinem letzten Beitrag auflistet, sprechen für vermehrte notwendige Anstrengungen der in den Gewerkschaften, Personal-/ Betriebsräten, Sozialinitiativen und Berufsverbänden tätigen Mitglieder der DKP. Es ist zweifelsohne so, dass es ohne die „Erkenntnis, dass hinter den erlebten Widersprüchen der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit steht und dessen Beseitigung eine sozialistische Gesellschaft erfordert" (Patrik K.) eigentlich keine Existenzmöglichkeit und keine Perspektive für die KP gibt.
    8. Die Frage nach der sozialistischen Perspektive zu stellen oder das Sozialismus-Thema zu „propagieren" (s. Beitrag Björn Blach) ist natürlich auch in dieser Allgemeinheit richtig. Sie läuft aber Gefahr, sinnlos zu bleiben, wenn sie nicht gleichzeitig verbunden ist (a) mit dem konkreten Mitwirken in den sozialen und politischen Fragen und Auseinandersetzungen des „Hier und Jetzt" und (b) mit der strategischen Aufgabe des „Herankommens" an die sozialistische Revolution", der Suche nach Möglichkeiten einer „Öffnung des Weges zum Sozialismus." zu diesem Ziele. Die Kluft zwischen tagespolitischem Engagement und der (im Grundsatz natürlich richtigen) Benennung des sozialistischen Ziels ist ansonsten schlichtweg zu groß. Das „missing link" (fehlende Bindeglied) zwischen den Hier und Jetzt und dem sozialistischen Ziel – noch zusätzlich belastet durch eine völlig unzureichende Stärke der DKP -ist die Frage, wie sich Kräfteverhältnisse im hoch entwickelten Kapitalismus, mit starken Machtapparaten und einer gigantischen Meinungs-und Bewusstseinsindustrie in eine antikapitalistische Richtung entwickeln lassen.
    9. Damit bleibt die Frage nach der Bündnisfähigkeit und der gleichzeitigen eigenen Stärkung der DKP als einer einheitlichen (!) Aufgabenstellung verbunden. „Allein machen sie dich ein!" Oder „Solidarität hilft siegen" -diese alten (Nach-) 68er Erfahrung ist doch heute noch genau so bedeutsam wie früher.
    10. Die Diskussion der Wahlbeteiligung ist wirklich eine Nebenfrage. Natürlich werden Kommunistinnen und Kommunisten dann zu Wahlen mit eigenständigen Programmen und Listen auftreten, wenn es zum einen machbar ist und wenn es politisch sinnvoll ist. Dies entspricht doch unserem Grundverständnis von Autonomie der Revolutionäre und ihrer Unterscheidung von reformistischen Linken. Es kann doch eigentlich keinen wirklichen Streit um etwas geben, was doch Grundvoraussetzung unserer eigenen politischen Existenz ist: die Verständigung darauf, dass es nicht genügt im reformerisch-reformistischen Sinne für einen „besseren Kapitalismus" zu sein, sondern einen Systembruch herbeizuführen, der die „Expropriation der Expropriateure" und die Errichtung einer sozialistisch-kommunistischen Systemalternative erfordert. Wer das nicht will, kann doch jederzeit gehen und sich einer anderen Organisation anschließen.
    11. Zum Repertoire der kommunistischen Bewegung zählt aber ein ganzes Arsenal wahltaktischer Entscheidungsmöglichkeiten: vom Boykott über die Einzelkandidatur bis zur Bündniskandidatur oder sogar bis zum Wahlaufruf für eine andere progressive Kraft. Dies sind Fragen der Taktik, die sich von Mal zu Mal ändern können. Das ist im nationalen, regionalen, kommunalen wie auch im europäischen Rahmen so. Da gibt es kein Dogma, da gibt es nur das Abschätzen realer Vor-und Nachteile für diese oder jene Variante. Es gibt nicht einen „festen wahlpolitischen Platz", den wir besitzen oder auch nicht. Wer sollte der „Platzwart" sein, der das entscheidet – und zwar noch ohne uns. Nein, wir haben als DKP eine grundsätzliche historische und aktuelle Legitimation und den entsprechenden „Auftrag". Keine Versöhnung mit dem System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Kein „Kniefall" vor den Mächtigen und (zeitweiligen) Siegern! Kein faules Arrangement mit denen, die uns einreden wollen, dass der Weg der Kommunistinnen und Kommunisten vorrangig durch Versagen und Verbrechen gekennzeichnet sei.
    12. Die DKP heute, das ist nicht nur die Partei. die das historische Werk von Liebknecht, Luxemburg, Zetkin, Thälmann, Pieck, Ulbricht, Reimann, Honecker, Bachmann, Carlebach, Gingold, Buschmann, Mies usw. fortsetzt. Die DKP, das war und ist immer auch in jeder

Generation „Fleisch vom Fleische" der werktätigen Menschen. Wir sind keine Supermenschen. Wir können uns irren und Fehler machen. Wir können uns streiten und uns gegenseitig das Leben (unnötig) schwer machen. Wir müssen dabei aber mit unserer Politik und Diskussion bei den wirklichen Problemen der Menschen heute ansetzen und Lösungen auch im Hier und Jetzt aufzeigen. Sonst verkommen wir zu einer rechthaberischen Sekte mit dem Versprechen, dass spätestens am sozialistischen „St. Nimmerleins-Tag" alles besser werde.

 

IV. Mögliche Inhalte einer Sachdebatte

An den Erfahrungen unserer Genossinnen und Genossen in Betrieben, Kommunen, gesellschaftlichen Bewegungen anknüpfend erscheint es uns vor allem nötig zu diskutieren:

(a) Wie schätzen wir auf der Grundlage des Programms der DKP die gegenwärtige Entwicklung des internationalen monopolistischen Kapitalismus (Imperialismus) in der Krise ein? Auf welche Lösungen setzt das Kapital? Auf welche staatlichen Strukturen, Regulierungsmechanismen und Unterdrückungsmechanismen? Was sind (mögliche) Gegen-Strategien der internationalen sozialen Bewegungen, der Arbeiterbewegung und vor allem der Kommunisten?

(b) Wie haben sich Inhalt und Organisation der Arbeit sowie die Struktur der Arbeiterklasse in den letzten Jahrzehnten verändert? Wie vollzieht sich unter den heutigen ökonomischen, politischen und sozialen Bedingungen die Bewusstseinsentwicklung in der Arbeiterklasse? Wie können Hemmnisse wie die wachsende Unsicherheit und Angst überwunden werden?

(c) Was sind die Aufgaben der DKP in diesem Zusammenhang? Was können wir leisten, was müssen wir berücksichtigen und tun, um die Entwicklung von Klassenbewusstsein zu befördern? Was heißt heute konkret Aktionseinheits-und Bündnispolitik der DKP?

(d) Welche Möglichkeiten zur Vernetzung der Kämpfe vor Ort, im nationalen und internationalen Rahmen gibt es? Was können wir aus bislang gewonnenen positiven wie negativen Erfahrungen ableiten? Welche Möglichkeiten zur Schaffung breiter gesellschaftlicher Bündnisse (Allianzen) gibt es, um die Gegenwehr gegen die sozialreaktionäre und Kriegspolitik der Herrschenden zu verstärken und das Kräfteverhältnis zu verändern?

Wir schlagen deshalb vor die Diskussion zu Sachthemen im Internet wie -nach und auf der Grundlage der Antragstellung durch den Parteivorstand an den Parteitag und nach einer ersten kollektiven Debatte dieser Anträge in den Gruppen und Kreisen der DKP -noch vor dem Parteitag im Rahmen einer Aktions-oder Strategiekonferenz in ruhigen Bahnen solidarisch und ergebnisorientiert fortzusetzen. Wir meinen, dass wir diese Zeit brauchen und uns nehmen müssten.

Nina Hager/Hans-Peter Brenner

 

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