Udo Paulus

Bietet sich die stark an die Orientierung der KKE erinnernde Begrifflichkeit „Gegenangriff" für die politische Situation der BRD an ?

 

Zugegeben, die substantiellen Differenzen zwischen der PV-Mehrheitsmeinung und dem 84er-Papier erschließen sich mir nicht recht. Ob die stark an die Orientierung der KKE erinnernde Begrifflichkeit „Gegenangriff" sich für die politische Situation der BRD anbietet, vermag ich zunächst nicht unmittelbar nachzuvollziehen.

Jedenfalls gründet sie sich in Griechenland auf eine stark im Volk verwurzelte Partei, deren antiimperialistische Politik selbst bei vielen Griechen/innen, die sich nicht zur Wahl der KKE entschließen können (noch nicht ?!), hohes Ansehen genießt. Und doch auch diese Partei kann bei parlamentarischen Wahlen und in den außerparlamentarischen Bewegungen in den vergangenen Jahren ihren Erfolgskurs kaum zahlenmäßig verbessern. Ich habe in der Schlussphase des Wahlkampfes für die Neuwahlen zum nationalen griechischen Parlament ein bemerkenswertes Verständnis bei den Menschen beobachten können, die wir mit den offensiven Wahlkampfmaterialien ansprachen, ob auf der Straße, in den Kaffees oder bei Hausbesuchen:

    • die Einsicht, ohne Beseitigung des Kapitalismus wird sich für die arbeitenden Menschen nichts grundsätzlich verbessern
    • ohne erbitterten Kampf gegen die EU schafft Griechenland keine eigenständige Entwicklung
    • die Menschen in Griechenland haben das Vertrauen gegenüber den Herrschenden im Land, der EU oder insbesondere auch der US-Administration gegenüber verloren

Und doch haben sie im entscheidenden Moment in der Wahlkabine das Kreuzchen bei den Rechten und „Sozialpartnern" gemacht und nicht bei der KKE. Sie hat trotz des aufopferungsvoll geführten Wahlkampfes und der bewundernswerten Verankerung tausende an Stimmen verloren.

Müssen wir da nicht tiefer forschen, als zu meinen, noch intensiver im Mund und auf dem Papier geführte revolutionäre Parolen brächten im systemüberwindenden Prozess die Wende nach Vorne, je öfter desto erfolgreicher?

Vielleicht wiegt die Erinnerung der Menschen an die welthistorische Niederlage des Sozialismus im 20.Jh. weit schwerer, als wir wahrhaben wollen. Wer mag sich schon mit Verlierern einlassen?

Vielleicht sitzt das Wissen der Menschen um die immensen Opfer der Genossinnen und Genossen für die Gesellschaftsordnung der Zukunft, insbesondere in den Kämpfen des vergangenen Jahrhunderts, so tief, dass sie der Einsicht in die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen eben noch nicht die revolutionäre Tat folgen lassen. Wer mag schon Opfer bringen, die angesichts des „zukunftslosen" aber nichts desto trotz gigantisch starken Klassengegners wohl doch eher zum Scheitern verurteilt sind? Und die Menschen in Griechenland wissen nur zu gut von den Opfern während der Besatzung des deutschen Faschismus, während des Bürgerkrieges, der Verfolgungen danach bis hin zum Terror der Junta. Und sie wissen ebenfalls nur zu gut von der Stärke des Gegners in Gestalt des deutschen Faschismus, des englischen und amerikanischen Imperialismus, der stets mit aller politischen und militärischen Macht den eigenständigen Weg des griechischen Volkes zu vereiteln wusste.

Die revolutionären Kämpfe sind es, die uns Kommunistinnen und Kommunisten  stärken, die Opfer hingegen und die damit verbundenen Niederlagen sind es gleichwohl auch, die sich als große Hürde für die arbeitenden Menschen aufbauen, sich in den revolutionären Weg wirklich einzureihen.

Die Menschen trotz alledem dazu zu ermutigen, erscheint mir als „Gebot der Stunde". Zumindest sollten wir uns den damit verbundenen subjektwissenschaftlichen Problematiken stellen, um den resignativen Bewusstseinsprozessen gegenzusteuern, um sie schließlich zu überwinden.

Udo Paulus

 

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