Marxistische Theorie und Geschichte

Deutsche "Besonderheiten"

Über einige historische Probleme der Bewusstseinsentwicklung

Von Robert Steigerwald

In: unsere zeit vom 25.12.09

 

In vielen gegenwärtigen Diskussionen in der DKP gehen Genossinnen und Genossen davon aus, die Kampfbereitschaft, das nötige Widerstandspotential in den Betrieben, seien in der Mehrheit der Bevölkerung nicht besonders entwickelt. Und das, obwohl gerade sie unter den Folgen der Krise, der Angriffe des Kapitals, der Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen am stärksten zu leiden haben.

Gefragt wird, warum das so sei und was man dagegen tun könne.

Ich denke, da sind - neben einer nötigen genaueren Untersuchung der Klassenlage, der Situation in den Betrieben, der Möglichkeiten zur (Neu-)Entwicklung von Klassenbewusstsein - vor allem auch historische Erfahrungsbereiche zu berücksichtigen. Auf sie werde ich meine Betrachtung beschränken, sie bestimmen die Spezifik des Problems in unserem Land mit und müssen beachtet werden. Denn bekanntlich ist Theorie, die Erfahrungen - wozu eben auch historische Erfahrungen gehören - unberücksichtigt lässt, "für die Katz".

Historische Spezifik und sozial-ökonomische Veränderungen

Da ist einmal die langfristige Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Mit ihren Erfolgen und Niederlagen. Für beide gibt es viele Gründe. Es geht dabei nicht nur um die Entscheidungen und das Handeln von "Führungen".

Erstens: Erfolge im Kampf, und die alte deutsche Sozialdemokratie hat solche auf sozialpolitischem, gewerkschaftlichem, kommunalpolitischem Gebiet erzielt, können Kampfbereitschaft dämpfen oder anstacheln. Das hängt von der Qualität der Partei, der Gewerkschaft ab, die solche Erfolge erkämpften und nun sagen: Nun gut, das ist der Groschen, doch wo bleibt die Mark? Oder ob so reagiert wird: Nun, das also hätten wir erreicht. Wir haben es nicht durch revolutionäres Gehabe geschaffen, sondern durch Verhandlungen, auch durch Druck, im Endergebnis jedenfalls durch Nach-Geben und Kompromissbereitschaft. Das ist der richtige Weg.

Erfolge im Kampf um nötige Reformen können also unterschiedlich wirken, demobilisierend oder anfeuernd, entschieden wird das nicht durch die Reform, sondern durch die Kräfte, die eine solche erkämpften und mit welcher Strategie sie den Kampf führten.

Was den Linksradikalismus angeht: Auch der kann in der Folge von Niederlagen zu Formen der Resignation, der Hoffnungslosigkeit beitragen.

Zweitens: Auch das Verhalten der Massen kann eine Wurzel für Reformismus, Opportunismus sein und ergibt sich keinesfalls nur aus dem Verhalten von Führungen.

(a) Zu beachten sind sozial-ökonomische Veränderungen und ihre Wirkungen. Ein wichtiges Beispiel sei genannt: Die - im Gegensatz zu den Erwartungen des "Kommunistischen Manifests" - zunehmende Differenzierung der Klasse durch ökonomische und technologische Erfordernisse bewirkten nicht deren Homogenisierung und hatten unter anderem als Folge branchenspezifische Borniertheiten, gegenseitige Abgrenzungen (Beispiel Chemie- und Metallarbeiter-Gewerkschaft), auch Konkurrenz.

Nicht ignorieren darf man, dass die Arbeiterklasse hierzulande mehr zu verlieren hat als ihre Ketten. In der Lebenslage der Arbeiterklasse entwickelter kapitalistischer Industrieländer - insbesondere der Bundesrepublik, die als "Schaufenster für den Osten" ausgebaut wurde - haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg wichtige Veränderungen vollzogen. Vor allem dadurch, dass in langwierigen und beharrlichen Aktionen (auch bei stetiger "Beachtung" der DDR, etwa als Drittem Verhandlungspartner in Tarifkämpfen) - politische und soziale Errungenschaften erkämpft, eine Erhöhung des Lebensstandards erreicht wurden. Das Kapital hat dabei auch Mittel gefunden, "Zugeständnisse" gemacht, um lohnabhängig Beschäftigte in das System einzubinden, sie aufzuspalten, die Kampfkraft der Belegschaften und Gewerkschaften zu schwächen.

(b) Aber wir haben es doch auch mit dem Problem zu tun, dass es auf die Bewusstseinsbildung der Arbeiterklasse "verschleierndes" Wirken gibt. Nicht nur die Medien sind hier gemeint, es geht um die verschleiernden Wirkungen des Kapitalismus selbst. Dass die Worte Arbeitgeber und Arbeitnehmer in regelrechter Umkehrung ihres Sinnes benutzt werden, ist noch vergleichsweise harmlos. Schwieriger zu durchschauen ist es dann schon, dass dem Arbeiter keinesfalls im Lohn seine Arbeit bezahlt wird. Es ist hier nicht der Ort, sich mit den Mystifikationen zu befassen, die dem Kapitalismus selbst entspringen und der Bildung von Klassenbewusstsein, also auch von Kampfbereitschaft hinderlich sind.

(c) Zu bedenken ist auch, wie verheerend die schlimmen Niederlagen der Arbeiterbewegung 1914,1918/19, 1933 und jetzt 1989/90 gewirkt haben. Da gab es ja nicht nur die Empörung über den beispiellosen Verrat rechtssozialdemokratischer Führungen. Da sollte man auf keinen Fall vergessen, dass Arbeitermassen - beispielsweise beim Kriegsausbruch 1914 - nicht weniger nationalistisch verseucht waren als andere soziale Kräfte. Auch das hat tiefe Wurzeln in der jüngeren deutschen Geschichte, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Aber dass es etwa 1918/19 noch eine recht große bäuerliche Bevölkerung mit entsprechenden Bewusstseinsformen gab, (das war z. B. 1918/19 eine Rekrutierungsbasis für die Konterrevolution und für Freikorps) wird oft nicht gesehen. Solche (und noch einige andere) Faktoren trugen zur Zurückdrängung des Klassenbewusstseins bei. (Ich habe das im ersten Band der Klassenanalyse der Marx-Engels-Stiftung mehr ausgeführt). All dies betrifft die historischen Voraussetzungen, macht den "Bodensatz" aus für heutiges Massenbewusstsein, und der wurde ja durch "Aktuelles" noch verstärkt.

Spaltung, Krieg und Antikommunismus

Unser Land war für Jahrzehnte gespalten. Schon das erwies sich als ein Faktor, der nationalistische Reaktionen hervorrief. Aber es ging ja nicht einfach um Spaltung, sondern beide Teile waren jeweils eingebunden in die Konfrontation der beiden zu diesem Zeitpunkt politisch, ideologisch, militärisch mächtigsten Potentiale der Welt. Zu beiden Seiten dieser Grenze standen Panzerdivisionen, und das bedeutete selbst in den Jahren des europäischen Entspannungsprozesses eine ständige Gefahr eines drohenden gewaltigen Konflikts, was auf beiden Seiten zu "Maßnahmen" nötigte, die nicht normal waren, aber angesichts der unterschiedlichen Bedingungen in beiden Staaten, in beiden Koalitionen, im westlichen Teil des Landes weniger restriktiv sein mussten als im östlichen. Dafür gab es Gründe, auf die hier nicht eingegangen werden kann.

Erstens: Die Situation wurde geprägt durch die große Lüge eines ständig drohenden sowjetischen Angriffs. Dass die Sowjetunion im vorherigen Krieg 27 Millionen Menschen verlor, darunter doch gerade auch die jüngeren Jahrgänge, die man nach 1945 (beispielsweise als Soldaten) "gebraucht" hätte, wenn die Sowjetunion einen Angriffskrieg geplant hätte. Dass das Land durch den Krieg völlig verwüstet war, spielte in der Bewusstseinsentwicklung im "freien Westen" keine Rolle. Dass die Menschen in der Sowjetunion gegen jeden Krieg waren, nur den Frieden wollten, wurde "natürlich" verschwiegen. Es war der "Westen", von New York bis Bonn, der als Ziel erklärte, den Sozialismus aus Europa zurückzurollen: Adenauer erklärte zum Beispiel "Nicht Wiedervereinigung ist unser Ziel, sondern Befreiung." Und am

5. März 1953 erklärte er im Rundfunk: "... es geht dabei nicht allein um die Sowjetzone, es geht um die Befreiung von ganz Osteuropa hinter dem Eisernen Vorhang."

In solcher Politik war doch der Krieg enthalten. Dem diente ein perfider Antikommunismus, der aus einem faschistischen, auch dank sozialdemokratischer "Mitwirkung", in einen "demokratischen" übergeführt wurde.

Angesichts dieser Bedingungen war es die oberste Maxime der sowjetischen Deutschland-Politik - und dies kann man auch aus den allerdings durch Politik und Medien herunter gespielten "Stalin-Noten" beweisen:

    • Herstellung eines einheitlichen Deutschlands auf der Grundlage einer Verfassung ähnlich jener der Weimarer Republik,
    • auf den reinen Vereidigungsfall beschränktes Militärpotential
    • einer Festlegung, sich an keinem Bündnis zu beteiligen, das sich gegen eines der Länder richtet, die im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland Krieg führen mussten.

Dies ging in einer bespiellosen Gehirnwäsche, an der nicht wenige Goebbels-Schüler aktiv beteiligt waren, unter. Darum aber auch konnten die so "informierten" Bundesbürger nicht einsehen, welche Politik in ihrem ureigensten Interesse gelegen hätte. Aber gerade auf die Herstellung eines einheitlichen, friedlichen und demokratischen Deutschlands war die Politik der Kommunisten beiderseits der Elbe orientiert.

Zweitens: Zu den für Deutschland besonderen Bedingungen gehörte (und gehört) es, dass es im Land zwölf Millionen Mitglieder der Nazi-Partei gab, dazu weitere Millionen in nazistischen Massenorganisationen - und das ist noch nicht "vorbei".

Drittens: Sechzehn Prozent der Bewohner unseres Landes sind Umsiedler. Die sorgfältig gepflegten und gehätschelten Landsmannschaft-Treffen (man denke nur an das Wirken der "Berufsvertriebenen" Steinbach) zeigen, wie es um deren Bewusstsein steht.

Viertens: Eine Besonderheit wird auch oft nicht bedacht - auch nicht von Kommunisten, die sich um Bewusstseinsentwicklung, um Aufklärung bemühen: Es gibt bei uns Millionen Menschen: ehemalige Bewohner der DDR, die konkrete Erfahrungen mit dem Sozialismus, mit einer marxistisch-leninistischen Partei haben oder zu haben meinen. Positive wie auch negative.

Wir können ihnen diese "Erfahrungen" nicht einfach wegdekretieren. Es gibt da ja durchaus objektive Ansatzpunkte für die antikommunistische Gehirnwäsche. Das sollten wir nicht ignorieren. Wir müssen uns deshalb nicht fragen, wie wir die Dinge sehen, sondern wie es damit bei unseren möglichen Adressaten aussieht. Natürlich wissen wir, welche Beschränkungen zu ihren Erfahrungen beitrugen, Beschränkungen, die zwar auch durch Außenbedingungen und -wirkungen auferlegt, aber eben auch durch das Wirken von Sozialisten begründet waren.

Erfahrungen beachten

Wie wurden und werden solche Erfahrungen - angesichts einer riesigen "Gehirnwäsche" vor und nach 1989/90 - verarbeitet? Wie also steht es um das Bewusstsein der Bevölkerung unseres Landes? Wir können und müssen zu ihren Sichtweisen argumentieren, dürfen nicht leichtfertig darüber hin weg gehen. Wir können und müssen ihre Wahrnehmungsfähigkeit, ihre Begrenztheiten beachten - sie nur zu kritisieren bringt gar nichts, denn Erfahrungen, mögen sie noch so oberflächlich sein, sie sind ein hartes Ding. Und sagen wir nicht oft: Massen lernen durch Erfahrungen?

Was also haben sie "gelernt"? Und was nicht? Und was war der "Beitrag" von Sozialisten, von Kommunisten bei solcher Art des Lernens?

Da wären wir dann bei dem, was wir hätten besser machen können und sollen, es war ja nicht alles nur aus der Not geboren, was wir nicht richtig gemacht haben. Arroganz und Dummheit sind nicht Privileg nur unserer Gegner, sie prägten auch manche unserer Entscheidungen. (Wie man sieht, ich habe zwar immer im "wilden Westen" unseres Landes gelebt, aber ich identifiziere mich durchaus mit dem, was in der DDR geschah, denn wenn ich dort gelebt hätte, ich wäre kein Dissident, Bürgerrechtler, keine Art Schabowsky geworden).

Ich gehe hier, aus Raumgründen, nicht auf die Frage ein, wie wir mit der nationalen Frage umgegangen sind, in wie weit wir sie und in wie weit wir den Nationalismus richtig behandelt haben. Und was den Antikommunismus angeht, so sind nicht nur die "Überreste" der faschistischen Ideologie, die wir sicher unterschätzt haben, zu beachten, sondern ist vor allem zu bedenken und zu verdeutlichen, dass seine wirklichen Adressaten weit weniger die Kommunisten sind - die sind solches "Brot" seit ehe und je gewohnt - nein, Adressaten sind jene, in deren ureigensten Interessen die Überwindung des Kapitalismus, die Erringung des Sozialismus liegt: Sie sollen durch Antikommunismus an solcher Erkenntnis gehindert werden - und im Umkehrschluss bedeutet dies für uns, dass aktive, plausible, Einsicht vermittelnde Sozialismus-Propagierung zu unseren wichtigsten Aufgaben gehört.

Weltweit diskutieren Sozialisten über Sozialismus, über vergangenen, über zukünftigen. In Deutschland diskutieren wir darüber nicht wie der Blinde vom Sehen, denn es gibt bei uns Tausende von Praktikern des sozialistischen Aufbaus und Hunderte von Wissenschaftlern auf diesem Gebiet.

Wütenden Antikommunismus gibt es in jedem der ehedem sozialistischen Länder (nicht nur dort), aber die eben angeführten Probleme und Themen sind Besonderheiten, die es so in keinem anderen europäischen Land gibt und die eben auch einen besonderen, insbesondere nationalistischen und antikommunistischen Bodensatz erzeugten.

Jenseits des Kapitalismus

Dann aber: Wie ist mit alledem umzugehen? Da steht im Vordergrund die Frage: Wie nehmen wir zum Sozialismus (und zur Parteifrage) Stellung? Da müssen wir beachten, dass die antikommunistische Hetze zwar nicht so erfolgreich ist, wie sich das ihre politischen und medialen Einpeitscher versprachen, dass sie aber nicht erfolglos anknüpfen an die genannten "Erfahrungen". Mit allen möglichen (und unmöglichen) Mitteln hetzen sie gegen die Idee und die Realität des Sozialismus.

Sie wissen, solange sie die Massen antisozialistisch "dopen", ist das kapitalistische System gesichert, aber wehe, wenn sich das Volk vom imperialistischen Rauschgift befreit. Das muss verhindert werden, und sie sind insoweit erfolgreich, dass selbst jene, - und das ist die Bevölkerungsmehrheit - sagen: Ja, der Sozialismus, das ist eine gute Idee, sie wurde nur falsch verwirklicht. Oder: Ja, wir wären schon für den Sozialismus, nur nicht für den, den es gab, und dann entwickeln sie, wenn überhaupt, kleinbürgerliche oder utopische Sichtweisen auf den Sozialismus, was immerhin bedeutet, dass sie einen möchten. Wir hören auch: Die Menschen sind nicht gut genug für den Sozialismus usw. usf.

Dies ist der Boden, auf dem sie stehen und so lange der nicht aufgebrochen wird, werden sie sich mit dem Kapitalismus zufrieden geben. Und dies ist ja derzeit auch die Stimmung, von Massen eingenommen, die dabei durchaus wissen, dass der Kapitalismus ein mieses System ist. Aber solange sie nicht davon überzeugt sind, dass es eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus geben kann (und letztlich muss, wenn die Menschheit nicht untergehen soll), werden sie unseren Argumenten verschlossen bleiben.

Das bedeutet: Die Hetze gegen die Idee und Realität des Sozialismus richtet sich gar nicht so sehr gegen die doch seit zwanzig Jahren untergegangene DDR, sondern gegen uns Heutige: Wir hier sollen mittels dieser Hetze daran gehindert werden, im Sozialismus eine Orientierung zu sehen. Diese Einstellung muss also aufgebrochen, die Menschen vom ideologischen und politischen Gängelband des Kapitalismus losgerissen werden.

Aber wie? Auf keinen Fall damit, dass wir uns eingliedern in die Schar jener, die sich in würdeloser und charakterloser Weise, dem Kapitalismus anbiedernd, "entschuldigen", dass es den Sozialismus gab und dass sie dabei mitgewirkt haben. Doch wir dürfen uns auch nicht - gerade angesichts der erwähnten "Erfahrungen" - mit solchen inhaltslosen Floskeln zufrieden geben: Ja, es hat Fehler und Dummheiten gegeben. Wo denn gibt es keine Dummheiten und Fehler? Schaut euch doch die Verbrechen an, die der Imperialismus, auch gerade mit deutscher Beteiligung, weltweit begeht. Da hätten wir viele Anklagepunkte.

Das wissen aber viel mehr Menschen als mancher denken mag. Dennoch: Es rührt sich da kein nennenswerter Widerstand. Bestenfalls sind sie zu Abwehrgefechten bereit, auch zu gewissem "Verzicht", um Arbeitsplätze zu erhalten usw. usf. Denn, wie gesagt: Sie wissen nicht, dass es oder wie es ein Jenseits des Kapitalismus geben kann.

Natürlich, das aufzubrechen ist unsere Aufgabe Nr.1. Indem wir die wegweisenden Erfolge der DDR verteidigen und propagieren. Ja, da war Vieles noch nicht weit genug entwickelt. Aber wir dürfen auch nicht unsere Fehler und Dummheiten verschleiern. Denn von uns erwartet man - und das zu Recht - einen ehrlichen Umgang mit uns selbst.

Und das bedeutet, klar zu sagen, was wir, sofern es nach uns gehen sollte (da mischen ja immer auch die "anderen" mit), in Zukunft anders und besser machen möchten. Was wir gelernt haben aus der DDR- und SED-Geschichte, wie wir uns einen künftigen Sozialismus vorstellen. Da haben wir im neuen Parteiprogramm der DKP schon gute Antworten entwickelt, auf deren Grundlage man argumentieren kann, die man natürlich vertiefen, ausbauen muss.

Schlußfolgerungen

Dabei, das ist meine Erfahrung, helfen uns solche Forderungen nach mehr revolutionärem und radikalerem Argumentieren gar nichts. Nicht solche Worte bringen die "Rettung", sondern wir müssen Inhalte vermitteln. Wir müssen durch unser Handeln und mittels langfristiger (denn solche "Dinge" sind eben nicht billiger zu haben) Überzeugungsarbeit unseren Beitrag leisten Bewegungen auszulösen. Was diese Inhalte angeht, sollten sie konkrete Forderungen einbinden in Zusammenhänge einer langfristig angelegten politischen Strategie, die auf Widerstand orientiert, progressive Reformen anvisiert, dafür nötige Kämpfe entwickeln hilft und in alledem auf die Verbindung mit unserem sozialistischen Ziel achtet. Ohne dies sind noch so radikale Forderungen und Worte sinnlos.

Massen, die nicht mal bereit sind, aktiv und entschieden zu verteidigen, was sie errungen haben, werden sich nicht durch radikale Töne zum Kampf aufraffen, da ist schon mehr nötig.

Auch Formulierungen wie: Notwendig ist eine marxistisch-leninistische Partei bringen uns nicht voran. Ich erinnere daran: Millionen bei uns haben mit einer solchen Partei Erfahrungen gesammelt. Wir müssen uns nicht nur über Sozialismus, sondern auch über die Partei, z. B. auch über ihr Innenleben, wie wir uns der Öffentlichkeit gegenüber darstellen und noch gar manch anderes neue Gedanken machen.

Um das nicht bei bloßen Worten zu belassen: Es genügt nicht, die Macht- und Eigentumsfragen zu stellen. Es gab eben Jahrzehnte sozialistischen Aufbaus und seine Lehren. Es gab aber auch weitere Entwicklungen im Kapitalismus. Der kapitalistische Staat bei uns ist anders als 1917 in Russland. Er ist ein Polyp, der sich bis in die untersten Ebenen der Gesellschaft hineingefressen hat. Folglich muss die Lösung der Macht-, der Staatsfrage, der Politik bis hinab zu diesen Ebenen reichen. Was das bedeutet, darüber muss nachgedacht, diskutiert, geforscht werden, denn das stellt ganz andere Fragen an den demokratischen Charakter der Arbeitermacht, als dies früher nötig und möglich war. Und dies ist hinsichtlich der Eigentumsfrage nicht anders. Es genügt nicht, die Kommandohöhen des kapitalistischen Eigentums, die Monopole und ihre Zentralen, mittels der Eingriffe der sozialistischen Staatsmacht auszuhebeln, durch Neues zu ersetzen, auch das erfordert die Lösung der Eigentumsfrage bis hinab in die unteren Ebenen der Gesellschaft.

Aber das wirkt dann auch auf den Charakter der Partei. Auch sie muss befähigt sein, solches demokratisches Durchorganisieren der Macht- und Eigentumsfrage nicht nur an der jeweiligen Spitze der Pyramide zu lösen, sondern dies bis hinab nach "unten" wo das gesellschaftliche Leben konkret ist.

Das sind so einige Haupt- mit ihren Unterfragen, die zu beantworten nötig sind, damit wir mit einsehbaren Argumenten statt mit bloßen Floskeln die Massen erreichen.

 

Ich denke, wir sollten aus dem, was ich hier darzulegen versuchte, folgendes Fazit ziehen: Es hilft uns nicht, einfach bei anderen abzuschreiben, was sie für richtig halten. "Uns aus dem Elend zu erlösen müssen wir schon selber tun." Wir müssen uns den eigenen Kopf über unsere Probleme und die Methoden zu ihrer Lösung anstrengen. Es geht also auf keinen Fall mit einem "So-weiter-wie-früher" oder gar durch ein Zurück in die - je nach Beurteilung - Höhen oder Tiefen der "Stalin-Zeit".

 

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