Mehr als eine Affäre: Auseinandersetzungen in der KP der USA

   
Helmut Dunkhase   
Dienstag, den 21. Juni 2011 um 19:30 Uhr

http://www.redglobe.de/nordamerika/usa/4546-mehr-als-eine-affaere-auseinandersetzungen-in-der-kp-der-usa

 

Roger Keeran und Thomas Kenny, langjährige Mitglieder der KP der USA, und Autoren eines international beachteten und in verschiedene Sprachen übersetzten Buches, »Socialism betrayed« (Verratener Sozialismus), wurden von der Kommunistischen Partei Kanadas nach Toronto eingeladen, um eben über dieses Buch zu referieren. In den einleitenden Worten eines der beiden Autoren fielen ein paar sarkastische Bemerkungen über die augenblickliche Strategie der KPUSA, insbesondere gemünzt auf die nahezu bedingungslose Unterstützung Obamas.

Der nationalen Leitung der KPUSA missfiel der Auftritt der beiden Autoren. Sie sah darin eine »Verletzung des demokratischen Zentralismus« (was umso seltsamer erscheint als der Vorsitzende Sam Webb in einem jüngst veröffentlichten Artikel selbst für die Aufgabe dieses Prinzips plädiert) und beschwerte sich bei den kanadischen Genossen über die »unangebrachte Aktion bei einer Bruderpartei«.

Ihre Einschätzung beruhte auf dem Bericht eines Genossen der KPUSA , der in Toronto ebenfalls anwesend war. Die Leitung hatte ihn offenbar zu diesem Zweck dorthin geschickt. Auch dieser Genosse, C. J. Atkins, hatte etwas Bemerkenswertes geschrieben, nämlich einen Artikel mit dem Titel »Living in an Era of Change« (Leben in einer Ära des Wandels) in »Political Affairs«, dem theoretischen Organ der Partei. Er plädiert hierin für die Aufgabe der ersten Hälfte des Namens der Partei, also »kommunistisch«, mit der Option, auch die zweite Hälfte, also die Partei selbst, zur Disposition zu stellen. Zur Begründung des ersten Schrittes heißt es: »Die Partei muss den Mut aufbringen, kollektiv der Realität ins Auge zu sehen, dass - gleichgültig wie richtig es sein mag, wenn Theorie oder Strategie und Taktik zur Sprache kommen - solange sie den Namen "kommunistisch" trägt, sie sich selbst den Weg zu vielen fortschrittlichen Aktivitäten und Führern abschneidet. Viele in der Linken stimmen mit der von der KPUSA praktizierten Betonung der Mitte-Links-Einheit, der Fokussierung auf die Bekämpfung der Ultra-Rechten und zu ihrer Tendenz zur politischen Unabhängigkeit überein. Kommunismus wird im öffentlichen Bewusstsein jedoch gleichgesetzt mit Stalin, Ceauşescu und Mao.« Zur Rechtfertigung des zweiten Schritts beruft sich Atkins auf die Realität des Zweiparteien-Systems in den USA, in die das historische Verständnis dessen, was eine politische Partei ist, nämlich eine Akteurin in einem Vielparteiensystem, nicht hineinpasse. Der einzige realistische Weg, fortschrittliche Prinzipien (wahl-)wirksam werden zu lassen, sei die Organisierung »als Strömung im Dunstkreis der Demokratischen Partei«.

Die hier propagierte Liquidierung der Partei nimmt durchaus handgreifliche Formen an: die nahezu bedingungslose Unterstützung Obamas, die Einstellung der Printausgabe der Parteizeitung »People's Weekly World« (jetzt »People's World« als Webpräsenz), die Übergabe des Parteiarchivs an eine private Universität...

Um was geht es nun aber bei dem Buch »Socialism betrayed« der beiden misstrauisch beäugten Autoren? Es erschien zunächst 2004 bei dem mit der Partei verbundenen Verlag International Publishers, allerdings gegen das Votum des Parteivorsitzenden Sam Webb, war bald ausverkauft und wurde 2010 bei einem anderen Verlag neu aufgelegt. Es geht den Autoren darum, den Gründen für den Zusammenbruch auf die Spur zu kommen. Ihre Thesen:

  • Die Sowjetunion ist nicht wegen unlösbarer ökonomischer und politischer Probleme untergegangen (noch in den frühen 1980er Jahren lag das Wirtschaftswachstum mit 3,2 % über dem der US-Ökonomie), sondern durch die Art und Weise ihrer Behandlung durch die Führung der KPdSU unter Gorbatschow. Äußere Feinde konnten die Sowjetunion nicht besiegen; es war der in Revisionismus einmündende Opportunismus, der sie zerstörte.
  • Die Auflösungserscheinungen von Staat und Partei am Ende der UdSSR konnten so wirkmächtig werden, weil Gorbatschow zunächst - bis 1986 - an Andropows Reformansätze (Beschleunigung des wisenschaftlich-technischen Fortschritts, Verbesserung der Verwaltungsmethoden und der Wiederherstellung leninistischer Parteinormen) anknüpfte und sich explizit gegen den Einsatz von Marktmechanismen an Stelle der Planung aussprach.
  • In der Art und Weise, wie unter Gorbatschow dann die Probleme »gelöst« wurden, reflektieren sich (wie zu allen Zeiten) materielle soziale und ökonomische Interessen. Hier waren es vor allem die eigenständig operierenden Betriebsleitungen, die durch die Schattenwirtschaft (der die Autoren eine wichtige, verhängnisvolle Rolle zusprechen) wachsende Kleinbürgerschicht und korrumpierte Parteimitglieder, die von der »sozialistischen« zur »freien« Marktwirtschaft drängten.
  • Gorbatschows Spur lässt sich auf die Linie Chruschtschow-Bucharin zurückverfolgen (die für die Autoren für Nachlassen im Klassenkampf, Aufweichen der Planwirtschaft zugunsten von Marktkräften, laxe Handhabung der Parteimitgliedschaft, Ritualisierung des Parteilebens steht), der die Linie Lenin-Stalin entgegengestellt ist.
  • Gorbatschow konnte die Sowjetunion zerstören, weil im Sozialismus der subjektive Faktor bedeutend wichtiger ist als im Kapitalismus: »Kapitalismus wächst; Sozialismus wird gebaut.«
  • Die Geschichte lehrt, dass Sozialismus zentrale Planwirtschaft, öffentliches Eigentum und restriktive Märkte erfordert.

Über diese Sicht auf die Geschichte der Sowjetunion fand in der von dem - in der DKP wohlbekannten - Erwin Marquit herausgegebenen Zeitschrift Nature, Society, and Thought eine Debatte statt (die in ihrer Offenheit und Sachlichkeit ein Vorbild für uns sein könnte). Marquits Kritik an Keeran/Kenny ist im Wesentlichen auch auf Deutsch nachzulesen in der Flugschrift 20 der Marxistischen Blätter.

Marquit verlegt den Schwerpunkt der Debatte auf die Auseinandersetzungen in der KPdSU über die Lösung der Probleme in der Landwirtschaft Ende der 1920er Jahre. Er hält Bucharins Vorschläge, sich in der Landwirtschaft auf den freien Markt zu stützen, für die richtigen. Sein Argument ist ein ökonomisches: Durch Besteuerung der Bauern hätte das Ziel, die nötigen Ressourcen für die Industrialisierung des Landes zu gewinnen, erreicht werden können, ohne dass es zu den katastrophalen Folgen der erzwungenen Kollektivierung gekommen wäre. Marquit wählt diese Phase der Geschichte wohl, weil es ihm um eine grundsächlichere Klärung des Verhältnisses von Plan und Markt geht. Er hält eine Kollektivierung der Landwirtschaft überhaupt für ineffektiv und verlegt auch für die gesamte Ökonomie die Aufhebung des Marktes in den grauen Horizont eines vollendeten Kommunismus, wo das Prinzip »Jedem nach seinen Bedürfnissen« gilt. In diesem Sinne hält er den chinesischen und vietnamesischen Weg nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer »sozialistischen« Marktwirtschaft für verheißungsvoll.

So reproduziert sich in der Debatte innerhalb der KPUSA nicht nur die von Keeran/Kenny aufgezeigte Linie der Auseinandersetzung, die die Geschichte der UdSSR durchzog, sondern die in der heutigen kommunistischen Weltbewegung insgesamt virulent ist. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es in Europa die griechische und die portugiesische KPn waren, die Keeran/Kenny eingeladen bzw. ihr Buch übersetzt haben.

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