Kurt Bachmann

Streit um den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag

"Kontroverse Diskussionen bis zu Handgreiflichkeiten"

Wohl nicht wachsam genug, konnte ich in den ersten Septembertagen 1939 in Albi/ Südfrankreich verhaftet werden. Ein von Soldaten bewachter Schulhof war erster Sammelpunkt für Deutsche und Österreicher, Kommunisten wie Faschisten und andere. Ich wurde bei Ankunft bestürmt, meine Meinung zum frisch abgeschlossenen Nichtangriffspakt zu sagen. Die Meinungen prallten hart aufeinander.

Ich sagte damals, wenn auch mein Herz blutet, so sagt mir mein Verstand: Das ist erstens ein Vertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion, aber ebenso zwischen den beiden Völkern. Zweitens: Unser Volk muß alles tun, um diesen Vertrag und damit den Frieden zu erhalten. Drittens: Das Hitler-Regime muß zugleich von uns gestürzt werden. Das löste - wie überall - unter Kommunisten und Andersdenkenden kontroverse Diskussionen aus, bis zu Handgreiflichkeiten. Spanienkämpfer, darunter ein Kölner Genosse, zogen mich aus der Menge heraus, waren interessiert, meine Meinung und meine Quellen zu hören. Wir setzten dann die Diskussion sachlich fort und die Verbindung zur Partei war für mich hergestellt.

Die Vorgeschichte

Was war dem Nichtangriffspakt vorausgegangen? Meine Erkenntnis, meine wichtigste und zuverlässigste Quelle an Informationen war schon lange vor dem Faschismus der Moskauer Rundfunk, auch wenn ich dort nicht alle Zusammenhänge, besonders jene Abläufe in der Sowjetunion und in der KPdSU, selbst erfuhr. Ende Dezember 1933 hatte die Sowjetunion allen Staaten in Europa vorgeschlagen, ein "System kollektiver Sicherheit" zu schaffen, also Nazideutschland einbegriffen. Der Widerstand der Westmächte war jedoch stärker. England und Frankreich betrieben eine Politik des Gewährenlassens für den Angreifer. 1935, so erzählte ich, schloß Großbritannien bereits mit Hitler-Deutschland ein Flottenabkommen. Die Nazis konnten 35 Prozent des Umfangs der britischen Kriegsflotte bauen. Die spanische Republik wurde durch die Westmächte preisgegeben, Österreich von den Nazis besetzt; dem Münchner Abkommen folgte die Zerschlagung des tschechischen Staates. Kurz, die Westmächte hatten so versucht, die faschistische Eroberungslust gegen die Sowjetunion zu lenken. Im Fernen Osten war die Sowjetunion 1939 zum zweitenmal japanischen militärischen Angriffen ausgesetzt. Ihr drohte im Zusammenhang mit dem Antikominternpakt die Gefahr eines Zweifrontenkrieges im Osten und Westen. Als England und Frankreich das sowjetische Angebot zu einem militärischen Beistand im August 1939 nach fünfmonatigen Verhandlungen ablehnten, unterbreitete Ribbentrop der Sowjetunion einen 10jährigen Nichtangriffsvertrag.

"Man sagt, der Abschluß des Nichtangriffspakts mit Deutschland sei nicht die beste Entscheidung der Sowjetunion gewesen. Das mag stimmen, wenn man nicht von der heutigen Realität, sondern von gedanklichen Abstraktionen, herausgelöst aus dem zeitlichen Kontext ausgeht. Auch unter den damaligen Bedingungen stellte sich die Frage etwa so, wie in der Zeit des ›Brester Friedens‹: Es ging um Sein oder Nichtsein … des Sozialismus auf der Erde", stellte Michail Gorbatschow in seiner bedeutenden Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution fest (APN-Verlag 1987, S. 30)

Die Folgen des Vertrages

Was waren damals schon erkennbare Folgen der sowjetischen Politik des Nichtangriffspaktes? Die Sowjetunion gewann, so sagte ich damals, eine kurze Atempause. Sie war nötig nicht nur, weil die Rote Armee in Umrüstung war und überlegene Waffen erst noch in die Produktion gehen mußten. Die Sowjetunion unter Stalins Führung verhinderte mit dem Nichtangriffspakt den Zusammenschluß aller imperialistischen Mächte gegen sich. Japan riskierte von da an nicht mehr, gegen die Sowjetunion loszuschlagen, wie Sorge funkte. Der Zweifrontenkrieg war gebannt. Die Münchner Politik der Befriedung, die Absicht der Westmächte, Hitlers Aggression zuerst gegen die Sowjetunion zu lenken, war mißlungen. Statt eines Weltbündnisses aller imperialistischen Mächte gegen die Sowjetunion entstand am 22. Juli 1941 die Antihitlerkoalition, das militärische Bündnis von 50 kapitalistischen Staaten und 36 Völkern mit dem einen ersten sozialistischen Staat der Welt.

Der Nichtangriffspakt war, so habe ich es 1939 gesagt und davon bin ich auch heute zutiefst überzeugt, weder unter den damaligen Bedingungen noch aus heutiger Sicht ein Fehler, sondern kluge Einsicht in das damalige Notwendige. Offen ist - und das bereitet mir Sorge - die Politik Stalins vier Wochen nach dem Nichtangriffspakt, bis zum Überfall Hitlers am 22. Juni 1941 auf die Sowjetunion.

Dazu muß man wissen: Mittels Unterlagen, die die deutsche Abwehr geliefert hatte, wurden 1936/37 die besten Heerführer der Roten Armee diffamiert und dem Henker ausgeliefert. Eine bedeutende Anzahl der erfahrensten Militärkader wurde nach falschen Anschuldigungen 1937 erschossen oder ging in die Gefängnisse. "Diese seit zwei Jahren einsetzende Entwicklung" - Repressalien gegen die höheren Kommandanten der Roten Armee - "kann uns nur freuen", berichtete Hitlers Militärattache General Ernst Köstring in Moskau am 19. 3. 1939 nach Berlin. (L. Besymenski, Sonderakte Barbarossa, Stuttgart 1969, S.244)

Verfehlte Politik

Erschossen wurde auch Marschall der Sowjetunion M. Tuchatschewski, Träger des Leninordens, Militärstratege. In einem Stabsmanöver 1936 sagte er den wahrscheinlichen Hauptstoß der Hitlerwehrmacht auf Smolensk-Moskau voraus, ebenso die tatsächliche Kräftekonstellation der Wehrmacht (Sowjetunion heute, 2/88, S.10/11). Marschall Shukow machte im Dezember 1940, nach einem Kriegsspiel, die gleichen Voraussagen über die Richtung des zu erwartenden Angriffs. Beide Ratschläge blieben bei den Abwehrmaßnahmen der Roten Armee auf Veranlassung Stalins unberücksichtigt.

Dem Nichtangriffspakt vorausgegangen war die Unterzeichnung eines deutsch-sowjetischen Wirtschaftsabkommens am 19. August 1939, wonach die Sowjetunion sich zu Lieferungen von Rohstoffen, Erdöl und Getreide verpflichtete. Als Gegenleistung sollte sie deutsche Ausrüstungen, Maschinen, darunter auch Flugzeuge, erhalten. Dreimal - Ende 1938, im März und November 1940 - besuchte in diesem Zusammenhang eine Gruppe sowjetischer Luftwaffenexperten deutsche Betriebe bei Junkers, Dornier, Heinkel, Messerschmitt und andere. Die Besucher erprobten im Flug auch die Messerschmitt 109 und andere Kriegsflugzeuge. "Genau ein Jahr vor Kriegsbeginn trafen in Moskau fünf Jagdflugzeuge Messerschmitt 109, zwei Bomber Junkers 88, zwei Bomber Dornier 215 sowie die jüngste Entwicklung - der Jäger Heinkel 100 ein." (A. Jakowlew, Ziel des Lebens, Moskau 1976, S. 261) Hitler war für diesen tiefen Einblick in die Produktion der deutschen Luftwaffe, offensichtlich um die sowjetische Wachsamkeit einzudämmen. Das war ein Teil des Überraschungsmoments beim Überfall, Teil der Maßnamen, Stalin, Molotow und andere zu überlisten. Es bestärkte offensichtlich Stalin in seiner verhängnisvollen Überzeugung, daß Hitler im Jahre 1941 den Überfall nicht entfesseln würde.

Freundschaft mit dem Faschismus?

Von Prof. Dr. D. Wolkogonow, Generaloberst, veröffentlichte die "Prawda" am 20. Juli 1988 einen Auszug aus seiner Arbeit über J. W. Stalin, "Triumph und Tragödie", einem, wie mir scheint, zutreffenden Titel. Darin heißt es: "Ein großer politischer Irrtum war unserer Ansicht nach die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Abkommens über ›Freundschaft und Grenzverlauf zwischen der UdSSR und Deutschland‹ vom 28. September 1939. Nach der Unterzeichnung des Nichtangriffspakts einen Monat vorher, einem offenbar notgedrungenen Schritt, hätte man innehalten sollen. Resolutionen der Komintern, Beschlüsse des 18. Parteitages der KPdSU, die Parteilinie, die den sowjetischen Staatsbürgern zugewendet war, stellten klar, daß der Faschismus, der gefährlichste Stoßtrupp des Weltimperialismus, ein terroristisches Regime der Diktatur und des Militarismus ist. In der Weltauffassung der Bürger der Sowjetunion verkörperte der Faschismus den Klassenfeind in konzentrierter Form. Und dann plötzlich ›Freundschaft mit dem Faschismus‹?! ..."

Es gab und es gibt keinerlei Rechtfertigung keinen Grund für derartig verhängnisvolle ideologische Schwankungen und Veränderungen. Vergangenes aber muß mit dem Gefühl der historischen Verantwortung und auf der Grundlage der historischen Wahrheit bewertet werden. Wahr ist, daß trotz alledem der Krieg zum erfolgreichen Kampf des ganzen Sowjetvolks wurde, gekrönt mit dem Sieg über den deutschen Faschismus. Im Kriegsverlauf bewährten sich die Talente hervorragender, aus dem Volk hervorgegangener Feldherren, Generale, Offiziere. "Im Kampf um den Sieg" sagte Gorbatschow, "haben auch die während des Krieges von J. W. Stalin bewiesenen Eigenschaften ihre Rolle gespielt - sein großer politischer Wille, seine Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit und seine Fähigkeit, die Menschen zu organisieren und zu disziplinieren. Doch die Hauptlast des Krieges trug der einfache Sowjetsoldat - der Mann aus dem Volke."

zuerst erschienen in: "Unsere Zeit", 26. August 1988

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